Die PJlerin | P.S.: Nimm Deine Tabletten

Neue Klinik, neues Fach, neue Herausforderungen. Ich habe das Zimmer im Wohnheim gegen eine WG und die Verbandsschere gegen das Stethoskop getauscht. Auf in die Innere Medizin.

Es begann besser, als ich es erwartet hatte. Die Kolleg*innen waren super und vor allem super motiviert mir viel zu erklären und mich selbstständig arbeiten zu lassen, wenn ich das wollte. Unter Aufsicht betreute ich meine ersten eigenen Patienten, auskultierte, perkutierte und optimierte meine Anamnese-Skills:

„Also Herr Unklare Luftnot, dann beschreiben sie doch mal diesen Auswurf den Sie beim Husten haben.“

— “Naja, wissense eher so fest, aber manchmal auch flüssig, außer letzte Woche, da war der eher so zäh…”

„…und die Farbe?“

— „Puh, ja so grünlich und manchmal gelb oder auch braun…ja braun war er auch. Aber jetzt nicht mehr.“

„Ah ja… interessant.“
(
In meinem Kopf sind mehr Fragezeichen als Differenzialdiagnosen und ich melde gedanklich schon mal ein Thorax-Röntgen an.)

Der Kulturschock nach den Wochen in der Unfallchirurgie hätte allerdings nicht größer sein können:

Ich traf auf insgesamt weniger Patienten mit meist komplexeren Krankheitsbildern; engeren Patientenkontakt, längere Liegezeiten, höheres Durchschnittsalter und wirklich sehr, sehr lange Arztbriefe bei denen ich zu kreativer Höchstleistung auflief.

Sollte ich die Diagnosen nach Organsystem ordnen? Und die Medikamente nach Wirkstoffgruppen oder doch lieber alphabetisch? Dazu noch eine halbe Seite Grußformel. Medikationsplan. P.S.: Nimm deine Tablette…oder halt die Generika. Fertig.

Und dann, Anfang November passierte es

Ich hatte es satt, war „PJ-müde“ und hatte genug von dem Dauerpraktikantenstatus. In der neuen Abteilung, in die ich rotieren musste, fühlte ich mich nicht so wohl und meine sonst so präsente Motivation lag am Boden. Im Nachhinein kann ich noch nicht mal genau sagen woran es lag. Weder waren die Kolleg*innen unfreundlich, noch gab es nennenswerte Konflikte. Scheinbar hatte ich genug von Nadeln und Briefen und machte es mir dadurch jeden Tag selber schwerer als nötig.

Ich mochte es weder die Tage an denen ich kaum etwas zu tun hatte, noch die Tage an denen Neuaufnahme nach Neuaufnahme auf mich wartete und ich leise fluchend mit dem Blutabnahmetablett in der Hand von Patientenzimmer zu Patientenzimmer zog.

So ging es die ersten zwei Wochen. Dann musste sich etwas ändern.

Wie also soll man also damit umgehen, wenn es als Praktikant*in (egal ob im Krankenhaus oder sonst wo) gerade einfach nicht läuft?

  1. Such dir Verbündete
    Die Chance, dass in einer Abteilung alles schlecht und jeder unfreundlich ist, ist wirklich verschwindend gering. Selbst wenn es nur eine*n nette*n Kolleg*in geben sollte, finde ihn/sie und häng dich an ihn/sie ran. So war es hier auch. Es gab Kolleg*innen, nette Kolleg*innen und super nette Kolleg*innen, welche mir etwas beibringen wollten. Nachdem ich mich zwischenmenschlich orientiert hatte, wurde es besser.
  2. Flucht
    Ein kompletter Abteilungswechsel ist oft nicht möglich, aber zum Glück bietet ein Krankenhaus (und vermutlich auch die meisten anderen Praktikumsplätze) Ausweichmöglichkeiten: ich ging in die Notaufnahme, die verschiedenen Funktions- und Diagnostikbereich und manchmal auch, für 5 Minuten Ruhe, mit einem Kaffee ins Arztzimmer.
    (Spontane Urlaubstage gehören übrigens auch in diese Kategorie.)
  3. Humor
    Mein persönlicher Favorit.Was nützt es immer alles viel zu ernst zu nehmen? Und wer hat behauptet, dass Ironie und Humor im Krankenhaus verboten sind? (-> hier auf unserem Blog weiterlesen)
  4. Optimiere deine Work-Life-Balance
    Eine etwas riskante, aber effektive Strategie: Die Profis verschwinden einfach, doch so abgebrüht war ich nie. Ich versuchte einfach um jeden Preis Überstunden (im PJ!) zu vermeiden und suchte ansonsten jemanden, der mir rechtzeitig das Okay für die Heimreise geben wollte. Die Anfängervariante:
    „So, die Kollegen A und B haben nichts mehr zu tun für, die Aufnahmen sind alle erledigt oder noch nicht da und Blut zum abnehmen finde ich auch keins mehr….es ist halb vier….ich würde dann jetzt… gehen…?“
    Umgerechnet arbeite ich für ungefähr 2€ pro Stunde in der Klinik. Im Idealfall lerne ich dabei. Wenn es aber schlecht läuft, wird die persönliche Freizeit damit umso kostbarer.
  5. Setze dir Ziele
    Bei mir waren das überwiegend kleine Lernziele für den Tag. Ich hatte eine Liste mit Dingen, die ich sehen oder selber machen wollte. Auch wenn die Zeit in dieser Abteilung nicht meine absolute Lieblingszeit im PJ wird, habe ich das gelernt, was ich lernen wollte. Damit war die Zeit immerhin gut genutzt.
  6. Kommunikation
    Offene Kommunikation, die bekanntermaßen beste Variante um mit großen und kleinen Konflikten am Arbeitsplatz umzugehen. Teile dich mit, wenn du dich benachteiligt oder ungerecht behandelt fühlst. Fordere Lehre ein, die dir zusteht. Wer sich nicht im Ton vergreift, wird damit vermutlich am meisten Erfolg haben.

Abgesehen von Diabetes, Herzinfarkt und Niereninsuffizienz habe ich also auch gelernt, dass auch wenn es mal bei der Arbeit nicht rund läuft, das nicht gleich heißt, dass automatisch alles schlecht ist.

Bin ich in der Inneren Medizin?
Weil Internist*innen bekanntermaßen total auf Scores stehen, hier mein persönlicher, vollkommen evidenzloser und definitiv nicht ernstgemeinter Score:

PUNKTE  

Dauer der Morgenvisite:

Gesehene Patienten pro Tag:

Antikoagulation:

Dienstbeginn:

0

< 45 min

30

s.c.

< 7:30 Uhr

 

1

45 – 60 min

20 bis 30

2

> 60 min

< 20

p.o.

> 7:30 Uhr

0 Punkte           -> Herzlich Willkommen in der Chirurgie.
1 bis 4 Punkte -> Mischbild
> 4 Punkte       -> Internistische Abteilung, ohne Zweifel.

Nun folgt noch ein kleiner internistischer Endspurt bis zur Weihnachtspause. Im neuen Jahr beginnt dann der letzte Abschnitt des Praktischen Jahres für mich. Wo es hingeht? Bald mehr dazu.

Ich nehme euch natürlich wieder mit.

Die PJlerin

Im Mai 2018 habe ich mein Praktisches Jahr begonnen und berichte seitdem auf dem Blog von Hashtag Gesundheit über meinen Klinikalltag zwischen Studium und Berufsstart.

Vorheriger Beitrag
Deutschland sucht die Superkrankenkasse (2/2)
Nächster Beitrag
Erste Erfolge der Lipödemversorgung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü