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Aus dem Labor rein ins Rampenlicht

Vom Forscher zum Erklärbär: Deutschlands Virologen bemühen sich in einer Zeit großer Ungewissheit darum, Fakten anschaulich darzustellen. Doch weit nicht jedem Wissenschaftler ist diese natürliche Kommunikationskompetenz gegeben. Die Pandemie zeigt, dass Wissenschaftskommunikation noch stärker in Forschung und Lehre verankert werden muss. Nur so gelingt es, Verständnis für politische Maßnahmen und gesellschaftliche Veränderungen zu schaffen.

Corona verleiht Wissenschaft neue Sichtbarkeit

Virologe oder Superstar? Der Unterschied scheint heute zunehmend zu verwischen. So hat Christian Drosten mit den Drosten-Ultras seinen eigenen Fanclub. Selbst die Adoption eines Golden Retrievers durch Virologe Hendrik Streeck wird zur Twitter-Sensation. Und irgendwo flackert das Bild von Alexander Kekulé über die Mattscheibe – der, wer hätte es gedacht, ebenfalls Virologe ist. Durch die Corona-Pandemie sind plötzlich alle Augen auf die gerichtet, die seit Jahren weitgehend unbemerkt ihre Arbeit in den Laboren Deutschlands verrichten. Und sie macht sichtbar, was viele schon lange wissen: Um fundierte Entscheidungen treffen zu können, braucht es in bestimmten Situationen eine umfassende Expertise der Wissenschaft – also die Kompetenz derjenigen Menschen, die forschen und neue, neutrale und zuverlässige Erkenntnissen produzieren.

In Zeiten der Pandemie wird dieses neue Wissen auf einmal nicht mehr nur in Fachpublikationen geteilt, sondern auch vermehrt in Talkshows, Leitmedien und über die sozialen Netzwerke diskutiert. Doch genau diese neue Sichtbarkeit macht angreifbar: In einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian beschreibt Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, dass er Todesdrohungen erhält. Während viele Menschen die Virologen für ihren unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen Corona und die Desinformation loben, sehen andere sie als Grund für die gesellschaftlichen Einschränkungen. Viele Menschen stören sich zudem daran, dass trotz ständig neuer Erkenntnisse die Gewissheit über ihre Richtigkeit und Vollständigkeit ausbleibt. So werden gerade noch gültige Fakten in Coronazeiten im Handumdrehen revidiert. Das erfordert sowohl eine rasche Anpassung der politischen Rahmenbedingungen und als auch Anpassungen des eigenen Alltags.

Forschung kann Drang nach Gewissheit nicht nachkommen

Die andauernden Regeländerungen belasten ebendiesen Alltag und haben auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Und so verwundert es wenig, dass der Ruf der Gesellschaft nach Stabilität und Klarheit immer lauter wird. Die Wissenschaft hingegen kann diesem Wunsch nicht gerecht werden. Sie hat keinen Absolutheitsanspruch, sie kann nicht garantieren, dass das Wissen von heute noch dem Wissen von morgen gleicht. Schließlich geht es oft vielmehr darum, zu wissen, was man nicht weiß, um die Forschung voranzutreiben. Virologen werden indes nicht müde zu betonen, dass sie in einer Situation großer Ungewissheit nur grobe Orientierung liefern können. Dafür fehlt aber das Verständnis, genauso wie die Kommunikation, die versucht dieses Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten langfristig zu etablieren.

Wissenschaftler müssen Kommunikationsfähigkeit erlernen

Abgesehen vom Klimawandel scheinen sich Forscher in den letzten Jahren viel, vielleicht zu viel, nur mit ihrem eigenen Berufsstand beschäftigt zu haben. Neben exzellenten Wissenschaftlern benötigt unsere Gesellschaft auch abseits von Krisen fähige Kommunikatoren wie Christian Drosten, der für seine Aufklärungsarbeit nun sogar einen Preis erhielt. Nur wenige können solch eine Leistung jedoch in dieser Form erbringen. Dies liegt unter anderem daran, dass die Kommunikationsfähigkeit in der wissenschaftlichen Ausbildung bislang noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Das Grundsatzpapier Wissenschaftskommunikation des Bundesforschungsministeriums von November 2019 ist ein erster Schritt, um dies zukünftig zu ändern. Mit dem Papier wird die Wissenschaftskommunikation beispielsweise zum integralen Bestandteil der BMBF-­Förderung. Dadurch sollen Anreize geschaffen werden, um die Kommunikation in Deutschland dauerhaft in der Wissenschaft zu verankern. Gleichzeitig schafft das BMBF die Denkwerkstatt #FactoryWissKomm. Ziel ist es unter anderem herauszufinden, wie Wissenschaftskommunikation innerhalb der Profession mehr Anerkennung erfahren kann. Wie wichtig dies ist, zeigt die aktuelle Coronavirus-Pandemie. Denn die authentische Berichterstattung schafft nicht nur neue Begeisterung für wissenschaftliche Errungenschaften, sie sorgt auch für Transparenz und fördert das Vertrauen in den gesamten Berufsstand.

Wissenschaftskommunikation muss faktenbasiert und unabhängig sein

Nicht immer leistet die Wissenschaftskommunikation allerdings das, was sie sollte. Und so ist bei den Forderungen nach mehr öffentlichkeitswirksamer Arbeit Vorsicht geboten. Das Heinsberg-Protokoll ist dafür ein gutes Beispiel. Die Studie sollte unter anderem die Immunität bezüglich SARS-CoV-2 untersuchen. Während in der Fachwelt eine Diskussion über die Aussagekraft der erhobenen Daten begann, war die öffentliche Debatte schon deutlich weiter: Lockerungsmaßnahmen wurden gefordert, die Vorgehensweise der Regierung scharf kritisiert. Befeuert wurde diese Diskussion durch die PR-Arbeit der Agentur Storymachine, die sich dazu aufgerufen fühlte, der Wissenschaft ein effizientes Sprachrohr zur Gesellschaft zu verleihen. Die Agentur betreute den Facebook und Twitter-Account des Forscherteams rund um Virologe Hendrik Streeck, erstellte Inhalte, die der Aufmerksamkeitsökonomie perfekt entsprachen: Komplexe Inhalte stark vereinfacht, teils sogar so verkürzt, dass die Quintessenz verfälscht wurde. In einer Gesellschaft, die es durch digitale Medien nicht mehr gewöhnt ist, sich ausführlicher mit anspruchsvollen Themen zu beschäftigen, konnte sich diese Art der Berichterstattung schnell verbreiten. Gesponsert wurde die Agentur unter anderem durch Firmen des Einzelhandels. Von Neutralität keine Spur, dabei sollte dies eines der zentralen Gebote der Wissenschaft sein. Umso wichtiger ist es, dass Forscher sich die Medien- und Kommunikationskompetenz selbst aneignen. Dadurch sind sie unabhängiger von Lobbygruppen und können deren Strategien besser durchschauen.

Globale Herausforderungen nur gemeinsam mit Wissenschaft lösbar

In Zeiten von Fake News ist diese unabhängige und sachliche Stimme wichtiger denn je. So besitzen diverse Verschwörungstheorien aktuell genauso hohe Viralität wie Sars-CoV-2. Das Problem? Wer Falschmeldungen glaubt, wägt sich nicht zu selten in Sicherheit und gefährdet dadurch seine Umgebung. Die Eindämmung des Virus kann aber nur dann gelingen, wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen – auch dann, wenn es schwerfällt. Umso geballter muss die Reaktion aus der Wissenschaft jetzt sein. Die verstärkte Wissenschaftskommunikation rund um Corona sollte aber nur den Anfang darstellen. Mit den steigenden Herausforderungen von der Energiewende bis hin zum Einsatz Künstlicher Intelligenz ist die starke Stimme aus der Wissenschaft in der gesellschaftlichen Debatte langfristig notwendig. Die Wissenschaft muss raus aus dem Labor und rein ins Rampenlicht. Sie muss erklären, einordnen, veranschaulichen. Nicht nur Fakten, sondern auch sich selbst und ihre Arbeitsweise. Deshalb bedarf es einer stärkeren Berücksichtigung der Kommunikationskompetenz in der wissenschaftlichen Ausbildung. So könnte die prekäre Lage durch Corona dauerhaft ändern wie Wissenschaft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Anja Heckendorf

24, lebt und arbeitet im Großraum Freiburg im Dreiländereck

Durch meine Mutter, eine passionierte Krankenschwester, bin ich schon sehr früh mit den Herausforderungen und teils Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems konfrontiert worden. Nach meinem Politikbachelor habe ich die politischen Voraussetzungen verstanden, die zu diesen Problemen führen. Mit meinem Master in Kommunikation habe ich gelernt, sie öffentlichkeitswirksam zu artikulieren. Gleichzeitig habe ich starkes Interesse an der Arzneimittelforschung gewonnen – die Forschung, die Menschen weltweit das Leben verbessert und verlängert. Mit meiner Tätigkeit in einem der großen forschenden Pharmaunternehmen kann ich dem hauptberuflich nachgehen und lerne nebenbei über die Notwendigkeit und das Potenzial der Datennutzung in der Entwicklung innovativer Medikamente.

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