Warum Telemedizin leider nicht alle erreicht, die es brauchen.

Der Corona-Virus (SARS-CoV-2) und die aktuelle Krise zeigen eines der größeren Probleme im deutschen Gesundheitssystem auf. Im nationalen und/oder internationalen Vergleich mit anderen Ländern sind wir sicherlich immer noch auf den vorderen Positionen was die Versorgung betrifft. Doch gerade jetzt wird die Versorgung in allen Bereichen schwieriger – vor allem bei älteren Patient*innen und/oder Personen in ländlichen Regionen. Eines der Patentrezepte hierbei ist die Telemedizin. Ein digitaler Ansatz, welcher Behandlungen und Versorgungsengpässe zeit- und ortsunabhängig lösen soll. In den meisten Fällen ist für den Patienten nur eine App notwendig. Sicherlich ist das für mich als Person eine gute Lösung. Zum Glück bin ich jedoch nicht die primäre Zielgruppe und habe keinen Bedarf.  

Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit mit arbeitsunfähigen Beschäftigten und Arbeitssuchenden fällt mir jedoch auf, dass es bei anderen nicht so einfach ist. Versicherte mit psychischen Erkrankungen bspw. bekommen (auch ohne Corona-Krise) keine Psychotherapie-Termine – eine Alternative soll die Videosprechstunde sein. Bei der Videosprechstunde handelt es sich um eine Einsatzmöglichkeit der Telemedizin. Dies finde ich eine sehr gute Idee, es hat jedoch einen oder vielleicht zwei Haken. Wenn einem Therapeuten bereits generell die Kapazitäten fehlen, können diese mit einem Videoanruf nicht kompensiert werden. Der andere Punkt betrifft die Versicherten bzw. Patienten. Ohne die persönlichen, technischen und weitere Kompetenzen (Stichwort: Health literacy), kann ich diese digitalen Leistungen nicht in Anspruch nehmen (oder nur unter größerer Anstrengung). Für Digital Natives und darauffolgende Gruppen handelt es sicherlich um eine sehr geringe Barriere. Wobei auch hierbei kritisch angemerkt werden muss, nur weil jemand im Internet agiert, heißt es nicht automatisch, dass er/sie/es auch wirklich kann.  

Neben den zuvor beschriebenen Patienten oder Personengruppen sind vor allem auch die Älteren von den Versorgungsengpässen betroffen.  

  • Die Patientengruppe der Senioren machten am Ende des Jahres 2018 in Deutschland rund 21,54 Prozent der Bevölkerung aus. Hierzu zählen die Personen, welche 65 Jahre oder älter sind. [Quelle: Statistisches Bundesamt] 
  • Die Internetnutzung bei den Mitbürgern, welche 70 Jahre oder älter sind, ist in den letzten Jahren zunehmend gestiegen. Dies ist das Ergebnis des D21-Digital-Index 2019/2020 der Initiative D21 auf Grundlage von computergestützten persönlichen Interviews. [Quelle: D21-Digital-Index 2019/2020] 

Meine Großmutter gehörte zu der Personengruppe der Älteren. Die Versorgung in meinem Heimatdorf (mit rund 6000 Einwohnern) war mit mehreren Hausärzten und zwei Apotheken im Grunde, mehr oder minder, sichergestellt. Der Kontakt zu den Ärzten, welche im Alter ja tendenziell zunehmen, waren jedoch immer mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden. Um auf die technische Komponente dieses Artikels zurückzukommen: meine Großmutter war sicherlich keine technik-affine Frau aber auch nicht auf den Kopf gefallen. Das erste Smartphone mit Touchdisplay und der Umgang war mit vielen Hindernissen verbunden. Wenn ich mir vorstelle, dass sie einen Videochat mit ihrem Hausarzt durchführen müsste – ein Graus. Vor allem in der Patientengruppe in der der Mehrwert groß wäre, aufgrund von Mobilitätseinschränkungen und anderen Erkrankungen, kommt diese Leistung kaum an.  

Als Reaktion auf die Pandemie mit SARS-CoV-2 hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Begrenzungsregelungen (zunächst) für das zweite Quartal 2020 ausgesetzt [Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung] Aus meiner Sicht der richtige Schritt in der aktuellen Situation. Ich möchte nur hoffen, dass es auch so viele Menschen wie möglich in Anspruch nehmen. Eine Studie in China mit rund 45.000 Patienten zeigte eine steigende Mortalität/Sterberate mit zunehmendem Alter. Für Personen ab 50 Jahre steigt das Risiko, dass die Erkrankung einen schweren bis tödlichen Verlauf hat. [Quelle: Zeit online].  

Dringende Bitte: Distanz ist gerade eine der wenigen Dinge, die uns helfen. Je mehr Menschen, welche telemedizinische Angebote in Anspruch nehmen können, dies auch tun umso mehr Kapazitäten gibt es in der medizinischen und pflegerischen Versorgung für die Patienten, die es nicht können.

Wie ist Eure Meinung zu der Thematik? Ist bspw. Die Videosprechstunde nicht unbedingt die beste Lösung? Welche Alternativen kennt Ihr? 

Wer von Euch Interesse an einem regelmäßigen, interessanten Austausch mit verschiedenen Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen hat –> Hier klicken

Im Rahmen unserer Vereinsarbeit versuchen wir u. a. Aufklärungsarbeit zu leisten und zu informieren – schaut hierzu gerne auf unseren Kanälen vorbei. Ihr findet uns als Verein auf  

Instagram
LinkedIn

__________________________________________ 

Das wichtigste zum Schluss: Passt auf Euch und Eure Mitmenschen auf. Bleibt gesund! 

Christopher Vedder

29 Jahre, wohnt und arbeitet in Neu-Isenburg (bei Frankfurt am Main)

Seit zwei Jahren bin ich als Teamleiter im Bereich Arbeitsunfähigkeit und Krankengeld bei einer gesetzlichen Krankenkasse tätig. Im März 2018 habe ich den berufsbegleitenden Bachelor in Wirtschaft und Management an der FOM in Frankfurt beendet. Aktuell studiere ich im Master of Science Medizinmanagement, ebenfalls an der FOM. Die Themengebiete Gesundheitspolitik, Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft und Führung interessieren mich sehr. Bei Hashtag Gesundheit bin ich u. a. für den Bereich Blog(-Redaktion) zuständig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü