Ungewollt mit der Zielgruppe auf Abstand: Corona und mein Präventionsprojekt

Die allgegenwärtigen Corona-bedingten Restriktionen führten dazu, dass ich meine Projektarbeit von heute auf morgen umstellen musste. Wie sollte ich ohne den Zugang zur Zielgruppe weiter arbeiten? Wie nutze ich die Zeit trotzdem sinnvoll? Wann können Angebote wieder starten? Wie ich das Beste aus den Herausforderungen mache, erzähle ich Euch in diesem zweiten Artikel zu meinem Präventionsprojekt.

Ausgangslage & Strukturen

Gerne möchte ich Euch erst mal die Ausgangslage vor der Pandemie und damit verbundene Herausforderungen des Projektes darlegen. Wie in meinem ersten Artikel zum Projekt (Link zum Blog-Artikel) erwähnt, startete dies im November 2019 mit meinem Arbeitsbeginn. Zu diesem Zeitpunkt stand das Konzept bereits, die Projektziele und ein grober Fahrplan waren gefasst. Da ich selber nicht beim Konzipieren des Projektes dabei war, bestand zu Beginn eine große Aufgabe für mich darin, mich in das Konzept einzuarbeiten und es ein stückweit an meine Erfahrung(en) und Arbeitsweise anzupassen. Ein Projekt-Meilenstein, der mir in der Gesundheits- und Quartierarbeit immer wieder begegnet, ist eine tiefgreifende Bedarfs-analyse bei der Zielgruppe. Man verbringt also Monate damit, Interviews, Fragebögen, Fokusgruppen usw. zu machen, sodass man am Ende auf einem Berg von Daten sitzt. Das ganze lässt sich unter einer partizipativen Arbeitsweise zusammenfassen und ist in diesem Feld definitiv sinnvoll. Indem man die Zielgruppe aktiv mit einbezieht, gibt man ihnen eine Stimme und geht aktiv auf ihre Bedürfnisse ein. Dennoch erhebt man automatisch viele Daten, die am Ende nicht genutzt werden, da sie dann doch inhaltlich zu weit entfernt und unbrauchbar sind. Die Bedarfsanalyse muss also geschickt angegangen werden – genau an diesem Zeitpunkt traf die Pandemie das Projekt. Im März hatte ich noch die Kick-Off Veranstaltung durchführen können, kurze Zeit später musste ich alles einstellen. Der Zugang zur Zielgruppe war mir durch die Kontaktbeschränkungen und erforderlichen Hygienevorgaben nicht mehr möglich. Dabei sind der Zugang und der damit verbundene Lebenswelten-Ansatz zentral und unabdingbar für mein Projekt.

Der Lebensweltenansatz bzw. Settingansatz

Der Setting-Ansatz nimmt die Lebenswelten von Menschen und da­mit die Be­din­gung­en in den Blick, un­ter denen sie spie­len, ler­nen, ar­bei­ten und woh­nen. Eine Lebenswelt kann einen sozial-räumlichen Bezug haben (z. B. das Quartier), einen Institutions-/Organisationsrahmen (z. B. die Schule), eine Lebenslage sein (z. B. Arbeitslosigkeit) oder auch gemeinsame Wertorientierungen (z. B. Religion). Die Lebenswelt ist für die Gesundheitsförderung bzw. für gesundheitsförderliche Interventionen hilfreich, wenn in ihr relevante Belastungen oder Ressourcen stecken. Es erweist sich als hilfreich auf bestehende Lebenswelten-Strukturen aufzubauen und diese zu nutzen, um präventive Maßnahmen anzudocken. Der Vorteil etablierter Strukturen ist, dass bereits vorhandene Nutzergruppen und eine gewisse Art von Beständigkeit und Vertrautheit bestehen. Es gibt Infokanäle und engagierte Personen, die das Arbeiten für so ein Projekt vereinfachen. Vor allem für Menschen mit Leistungsbezug erweist sich der Ansatz als zielführend, da hierdurch der Verhaltenskontext, also die konkreten Lebensbedingungen, beeinflusst werden können.
Ein konkretes Beispiel dazu: Ich habe einen Entspannungskurs im Freien auf den Weg gebracht. Beworben habe ich diesen auf unterschiedliche Weisen (im kostenlose Stadtanzeiger, gängigen Tageszeitungen, im Arbeitslosenzentrum, über Schulen usw.). Die Teilnehmer in der Gruppe waren dadurch sehr heterogen. Einen weiteren Kurs habe ich an eine Begegnungsstätte angegliedert, dadurch kommen die Teilnehmenden aus einer gemeinsamen Lebenswelt. Die Maßnahmen sind unterschiedlich erfolgreich gelaufen. Der zweite Kurs wies eine höhere und kontinuierliche Teilnehmer-Rate auf und wirkte im Ganzen „runder“, als der erste.

Wenn man die Menschen also dort antrifft wo sie leben, sich aufhalten und sich auskennen (Niederschwelligkeit), erhöht dies einen erfolgreicheren und nachhaltigeren Verlauf der Maßnahme. Ziel muss es sein, auch diese Rahmenbedingungen zum Gegenstand der Intervention zu machen.

Die Auswirkungen der Pandemie auf das Projekt

Für die Monate März bis Juni hatte ich unterschiedliche „Teaser-Veranstaltungen“ geplant, die den Leuten Lust auf mehr Gesundheitskurse machen sollten. Durch die Veranstaltung wollte ich mit den Menschen in Kontakt kommen, ein Bild ihrer Wünsche gewinnen und dies als Grundlage für die Entwicklung von Angeboten nutzen. Tja, hätte, hätte liegt im Bette (hoffentlich nicht mit Corona).

Zu Beginn des Jahres hatte ich eine Beteiligungsanalyse mit Akteuren/Institutionen im Quartier durchgeführt. Mein Ziel war es Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wer möchte kooperieren? Welche Zielgruppe haben die Institutionen?  Was läuft/lief schon im Bereich Prävention? Welche Ressourcen gibt es? Welche Bedarfe gibt es? usw. Aufbauend auf diese Befragungen begann ich im März mit der Bedarfsanalyse. Ich hatte Besuche in unterschiedlichen Lebenswelten im Quartier und kleine Workshops mit der Zielgruppe geplant, um partizipativ Maßnahmen zu entwickeln. Die meiste Zeit des März und Aprils verbrachte ich dann aber im Home Office. Ich schrieb Konzepte, machte unzählige Literaturrecherchen und tauschte mich mit anderen Projektverantwortlichen aus. Dies gestaltete sich als sehr wertvolle Arbeit und ebnete den Weg für die kommende Zeit. Ich entwickelte einen Online-Fragebogen zu Wünschen und Bedürfnissen der Quartiers-Bewohner*innen, einen schriftlichen Fragebogen für Institutionen und eine schriftliche Bedarfsanalyse für die Besucher*innen des Arbeitslosenzentrums. Diesen verteilte ich an die Menschen, die sich ihr Essen beim Arbeitslosenzentrum abholten. Dadurch, dass wir das Essen für eine gewisse Zeit kostenlos ausgegeben konnten und die Leute tatsächlich jeden Tag gekommen sind, war die Bereitschaft den Fragebogen auszufüllen relativ hoch. Ich konnte auf diesem Weg einen guten Überblick über die Wünsche und Einschätzungen zur Gesundheit der Besucher*innen erlangen und so die Bedarfsanalyse immerhin ein Stück weit durchführen. Nach der Auswertung der Umfragen stand ich immer noch vor den Herausforderungen der Corona-Einschränkungen und keinem richtigen Zugang zur Zielgruppe. Durch die Pandemie haben unterschiedliche Online-Angebote eine große Nachfrage erfahren. Somit wägte ich natürlich auch die Möglichkeit ab Gesundheitskurse online anzubieten. Hier ergaben sich aber mehrere Probleme:

  • die nötige Technik muss angeschafft werden
  • die Kursleitung muss technikaffin sein, um einen qualitativ hochwertigen Kurs anzubieten
  • die Teilnehmenden müssen medienkompetent sein und überhaupt die nötige Technik besitzen (vor allem bei Menschen mit Leistungsbezug ein Problem)

Da im Projekt zu dem Zeitpunkt noch keine Kurse liefen, wären die Online-Angebote der Startpunkt. Es gab zuvor keinen persönlichen Kontakt zu den Menschen und auch der Lebensweltenansatz ließ sich nur unzureichend erfüllen. Online-Angebote stellten sich demnach und zumindest für diesen Zeitpunkt, als nicht sonderlich zielführend für mein Projekt dar.

Angebote und Kooperationen in Zeiten von Corona

Dennoch wollte ich unbedingt Angebote starten und mit den ersten Lockerungen eröffneten sich neue Möglichkeiten. Kurse im Freien, mit viel Abstand und kleiner Anzahl von Teilnehmer*innen war meine Devise. Ich brachte den erwähnten Entspannungskurs im Park auf den Weg und einen leichten Bewegungskurs. Der letztere war leicht umsetzbar, niederschwellig und wahrscheinlich daher so erfolgreich, dass er jetzt bereits zum zweiten Mal läuft und weitere Ideen daraus entstanden sind. Die Teilnehmer wandern mit einer Kursleitung rund 1,5 Stunden durch das Quartier und machen an schönen Ecken Gymnastik und Entspannungsübungen. Zuerst habe ich das Angebot nur im Arbeitslosenzentrum beworben. Nachdem ich ein paar wenige Anmeldungen hatte, habe ich das Angebot an unterschiedliche Kooperationspartnerschaften aus ähnlichen Lebenswelten weitergeleitet. Durch die verschiedenen Wege der Bewerbung wurde der erste Kurs gefüllt. Er startet und endet am Arbeitslosenzentrum, und zwar genau zu der Uhrzeit, wann die Ausgabe des Mittagessens stattfindet. Somit erlangte der Kurs schnell Aufsehen und sorgte dafür, dass ich für den zweiten Kurs sogar eine Warteliste anlegen musste.

Eine weitere sehr erfolgreiche Maßnahme ist eine Kochtüte für benachteiligte Familien, die ich einmal die Woche an 15 Familien ausgebe. Sie beinhaltet niederschwellige Rezepte für gesunde und regionale Gereichte mit Fotos und detaillierter Anleitung. Dazu gibt es die passenden Lebensmittel und jede Woche ein neues Infoblatt z. B. „Wie packe ich meinen Kühlschrank richtig?“ oder zu „Schneide-Techniken“. Trotz Corona-Einschränkungen konnte ich so Familien erreichen. Diese habe ich durch die Schulsozialarbeiter*innen der Grundschulen aus dem Quartier gewinnen können – das war für mich und das Projekt Gold wert. Hier spiegelt sich auch der Lebensweltenansatz wieder. Durch die erste Anfrage bei den Familien durch die Schulsozialarbeiter*innen, also eine vertraute Person aus einem bekannten Setting, konnten diese leicht für das Projekt gewonnen werden.

In den ganzen Wochen und Monaten nach den ersten Corona bedingten Einschränkungen, habe ich immer wieder die unterschiedlichen Institutionen und Akteure aus dem Quartier angerufen. Ich habe versucht alternative Wege für Maßnahmen zu finden und auf den Zielgruppen-Zugang durch die Lebenswelt-Verantwortlichen gehofft (Einrichtungs-Leitungen, Sozialarbeiter*innen, Berater*innen, Pastor*innen, usw.). Der Großteil war aber, verständlicher Weise, viel zu sehr mit sich und dem Handling der Corona Pandemie beschäftigt. Immer wieder wurde ich auf „nach den Sommerferien“ verwiesen. Sicherheit geht vor und in der aktuellen Zeit ist Vorsicht definitiv besser als Nachsicht. Dennoch ist es natürlich gerade für ein zeitlich befristetes Projekt schmerzhaft, wenn sich so lange wenig tut. Im Großen und Ganzen geht es jetzt aber voran: die Hygienekonzepte sind abgesegnet, weitere Kurse stehen an und ich mit Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel in den Startlöchern.

To be continued …

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Justine Krause

Seit Ende 2019 bin ich Projektkoordinatorin für ein Krankenkassen gefördertes Präventionsprojekt mit der Zielgruppe benachteiligter Menschen. 2019 habe ich einen interdisziplinären sozialwissenschaftlichen Master an der TU Braunschweig abgelegt, zuvor studierter ich Soziologie in Bielefeld und Salzburg. Mein Schwerpunkthema ist „soziale Ungleichheit und Gesundheit“. Meine Master Arbeit schrieb ich zum Thema „Policy Analyse zur Gesundheitsversorgung von Geflüchteten“. In meiner Freizeit bin ehrenamtlich bei der Seebrücke Bewegung in tätig. Wir setzen uns für die Entkriminalisierung von Seenotrettung ein.

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