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Disease Interception- Revolution der Versorgung oder Renaissance der Prävention?

Krankheiten verhindern, bevor diese ausbrechen. Das klingt doch verdächtig nach Prävention. Doch insbesondere seit dem Open House Advisory Bord wird der Begriff #Diseaseinterception geprägt, der eine neue Ära im Versorgungsgeschehen einleiten soll. Was wird darunter verstanden? Wo liegen die Unterschiede zur Prävention und welchen Chancen, aber auch Risiken begegnen wir durch die Disease Interception im Gesundheitswesen? Wir nehmen das Konzept im folgenden Artikel für euch unter die Lupe.

Was bedeutet eigentlich Disease Interception?

Der Begriff Disease Interception ist bisher noch nicht allzu verbreitet in der klassischen Literatur, sondern findet sich eher in Publikationen von Pharmakonzernen insbesondere Janssen.[1] Das Konzept sieht vor, dass Krankheiten vor dem Auftreten von Symptomen erkannt werden und entsprechende Therapien eingeleitet werden können.

Noch Prävention oder schon Disease Interception?

Die klassische Lehre von Prävention und Gesundheitsförderung unterscheidet bei der Prävention in drei Kategorien: Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention.

Die Primärprävention umfasst alle Aktivitäten vor dem Eintritt einer greifbaren biologischen Schädigung durch die Verringerung und Vermeidung von Risikofaktoren. Sie zielt dabei darauf ab, sowohl die Inzidenz einer Erkrankung in einer Population als auch die Erkrankungswahrscheinlichkeit des Individuums zu senken.[2] Klassische Beispiele für primärpräventive Maßnahmen sind gesunde Ernährung oder Sport, aber auch Schutzimpfungen als ärztliche Leistung.

Abzugrenzen hiervon sind die Sekundärprävention (Maßnahmen zur Entdeckung von symptomlosen Krankheitsfrühstadien mit dem Ziel der Rezidivprophylaxe (Vermeidung von Rückfällen) sowie der Verhinderung von Verschlimmerungen von Erkrankungen) sowie der Tertiärprävention (positive Einflussnahme auf bereits symptomatische Erkrankungen). Im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen sind Screenings oder Vorsorgeuntersuchungen Beispiele für sekundärpräventive Maßnahmen und Kuren oder Rehamaßnahmen Leistungen der Tertiärprävention.

Weniger verbreitet (aber für die Vollständigkeit zu nennen) ist der Begriff der Primordinalprävention, welcher in der Public Health-Psychologie als Teilbereich der Primärprävention genannt wird. Maßnahmen der Primordinalprävention sollen bei gesunden Personen den Risikofaktoren zuvorkommen und den Eintritt dieser bereits vor dem Eintritt in die Gesellschaft zu verhindern.[3]

Für den Begriff „Disease Interception“ lässt sich (noch) keine allseits zitierfähige Definition finden. Nach dem Verständnis der Autoren zum Thema gestaltet sich die Disease Interception individueller und spezifisch auf den Patienten zugeschnitten, als es in der klassischen Prävention der Fall ist.[4]

Dies trifft allerdings nur dann zu, wenn man von einer „gießkannenartigen“ Form der Prävention ausgeht, denn auch heute gibt es bereits auf den Patienten zugeschnittene Präventionsangebote.

Rein definitorisch fällt die Disease Interception daher nach der Auswertung der Literatur unter den Überbau der Primärprävention und bildet einen neuen Begriff für ein bekanntes Konzept.[5] Aber interessanter als der definitorische Rahmen sollte der Inhalt des Konzepts sein:

Disease Interception: was ist das eigentlich?

Das Kernelement von Disease Interception besteht darin, Krankheiten aufgrund von diagnostischen Biomarkern vorherzusagen, bevor klinische Symptome auftreten. Dadurch soll das Verhüten von Erkrankungen erzielt werden, bevor diese symptomatisch werden.[6] Ebenso können effektivere Therapien durch die frühzeitige Möglichkeit von Interventionen angeboten werden.[7]

Mit anderen Worten: durch die Disease Interception könnte ich bereits heute wissen an welchen Erkrankungen ich wann im Laufe meiner Biografie erkranke. Für die Prävention oder Therapie hätte dies zur Folge, dass auf meine genetischen und biologischen Eigenschaften zugeschnitten überlegt werden kann, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um ein Auftreten der Erkrankung zu verhindern oder zeitlich nach hinten zu verschieben.

Ethik, Daten, und, und, und…

Dies hätte zur Folge, dass wir nicht mehr zwischen den beiden Polen „gesund“ und „krank“ unterscheiden können, sondern viele verschiedene Stadien der Gesundheit zwischen diesen Polen lägen.[8]

Es bleibt zu überlegen für welche Krankheitsbilder das Konzept der Disease Interception sinnvoll ist: ohne die Möglichkeit zur Therapie stellt das Wissen über Diagnosen und Krankheiten eher eine emotionale Belastung für den Betroffenen ohne Mehrwert dar.[9]

Erneut stellt sich die Frage zu dem Recht auf Unwissenheit. Ist es überhaupt noch solidarisch, die diagnostischen und technischen Mittel nicht zu nutzen und so eine Erkrankung und höhere Krankheitskosten für die Solidargemeinschaft in Kauf zu nehmen?  Diese und viele andere ethische Fragen müssen im weiteren Verlauf verbindlich durch Ethikkommissionen, die Politik und Gesellschaft geklärt werden.

Chancen und Risiken von Disease Interception

Grundsätzlich gilt: Krankheiten früh oder noch vor ihrem Eintritt zu kennen und dadurch den Therapieerfolg zu verbessern sowie Morbidität und Mortalität zu senken ist eine echte Chance für die Versorgung. Ein Beispiel wäre das Krankheitsbild Demenz, für das sich Experten einig sind, dass bereits beim Auftreten der ersten klinischen Symptome eine ursächliche Therapie nicht mehr möglich sei.[10] Hier bietet die Disease Interception eine echte Chance für die Betroffenen eine Krankheit vor dessen Ausbruch zu erkennen und zu therapieren und leitet eine neue Ära der Versorgung ein.

Auch aus ökonomischer Perspektive ist eine präventive Maßnahme in den meisten Fällen wirtschaftlicher als eine lebenslange Therapie. Dennoch bleibt hier kritisch zu hinterfragen, ob nicht die Gefahr der Überversorgung besteht und sich die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen in Folge der Disease Interception induziert.

Fluch oder Segen fürs Gesundheitssystem? Ein Kommentar.

Disease Interception ist dabei vielleicht keine komplett neue Idee, aber nutzt die Errungenschaften der medizinischen, analytischen und technischen Forschung und gestaltet ein modernes und zeitgemäßes und weniger verstaubtes Verständnis von Prävention.

Meine persönliche Meinung: eine der größten Herausforderungen in der Versorgung wird es nicht sein, alle potentiell krankmachenden Faktoren in unserem Körper zu identifizieren, sondern nur solche, welche im Verlauf unserer Biografie auch wirklich relevant für uns werden und unsere Mortalität und/oder unsere Lebensqualität beeinflussen.

Mit anderen Worten: Ich als Patient wünsche mir nur die Krankheiten zu kennen, die zum einen behandelbar sind, bei denen eine frühere Diagnose einen besseren Therapieerfolg bedeutet und welche auch wirklich versorgungsrelevant für mich sind. Ein gerne zitiertes Beispiel ist die Prostatakrebsdiagnose- die im hohen Alter eine vergleichsweise geringe Mortalität darstellt, aber mit einer hohen emotionalen und diagnostischen Belastung für den Patienten verbunden ist.

Hier gilt es auf den Patienten, seine Bedürfnisse und Wünsche zu schauen und partizipativ die beste Lösung im Sinne der Patientenautonomie zu finden. Seitens der Anbieter und Wissenschaft gilt es durch Forschung und Evaluation die Evidenz der Disease Interception sicherzustellen, um deren Mehrwert sicherzustellen.

[1] Winkler, E. (2019), S. 27.
[2] Walter, U./ Robra, BP. / Schwartz, FW. (2012), S. 196 f.
[3] Walter, U./ Robra, BP. / Schwartz, FW. (2012), S. 196 f.
[4] Danner, M. (2019), S. 19.
[5] Gerne Diskussion zu diesem Thema möglich
[6] Roski, R. (2019). S. 12.
[7] Jessen, F. (2019), S. 7.
[8] Danner, M. (2019), S. 17.
[9] In diesem Dilemma befindet sich die Medizin bei bestimmten Krankheitsbildern bereits heute.
[10] Hoffmann, W./ Zwingmann, I. (2019), S. 125.

Nach so viel Theorie einige Impressionen vom Janssen Open House, wo wir mit #Gesundheit Ende Mai eingeladen wurden, um gemeinsam einen Blick auf die Zukunft der Medizin zu werfen.

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Literatur:

Danner, M. (2019): Das Paradigma der Disease Interception aus Patientensicht, in: Jessen, F./ Bug, C. (2019): Disease Interception. Implikationen einer frühen Diagnose und Krankheitsunterbrechung für Medizin und Gesellschaft, Bonn: 2019, S.17-26.

Hoffmann, W./ Zwingmann, I. (2019): Chancen und Herausforderungen der Disease Interception für demenzielle Erkrankungen aus Sicht der Versorgungsforschung, in: Jessen, F./ Bug, C. (2019): Disease Interception. Implikationen einer frühen Diagnose und Krankheitsunterbrechung für Medizin und Gesellschaft, Bonn: 2019, S.17-26.

Jessen, F. (2019): Disease Interception – große Chancen und ebensolche Herausforderungen für die Medizin der Zukunft, in: Jessen, F./ Bug, C. (2019): Disease Interception. Implikationen einer frühen Diagnose und Krankheitsunterbrechung für Medizin und Gesellschaft, Bonn: 2019, S.11-16.

Roski, R. (2019): Kühne Hoffnung: Disease Interception, in: Jessen, F./ Bug, C. (2019): Disease Interception. Implikationen einer frühen Diagnose und Krankheitsunterbrechung für Medizin und Gesellschaft, Bonn: 2019, S.11-16.

Walter, U./ Robra, BP. / Schwartz, FW. (2012): Prävention, in: Schwartz et al., Public Health. Gesundheit und Gesundheitswesen, 3. Auflage, München: 2012, S. 196-222.

Winkler, E. (2019): Ethische Überlegungen zur Disease Interception, in: Jessen, F./ Bug, C. (2019): Disease Interception. Implikationen einer frühen Diagnose und Krankheitsunterbrechung für Medizin und Gesellschaft, Bonn: 2019, S. 27-38.

Hinweis: Vor der Veröffentlichung wird jeder Artikel von unserer Redaktion geprüft. Dennoch spiegelt unser Blog nicht zwingend die Meinung des Vereins wider. Einzelne Positionen oder Bewertungen in den Artikeln basieren grundsätzlich auf der Meinung des Autors / der Autorin.

Jacqueline Posselt

Ich studiere Public Health an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeite parallel zum Masterstudium in einer gesetzlichen Krankenversicherung. Mein Interessenschwerpunkt liegt im Versorgungsmanagement mit dem Fokus nachhaltige Lösungen zur Verbesserung der Versorgung zu finden.

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