Blogbeitrag

Zwischen Muttermilch und Schreiattacken

„Du musst heute auf die Neugeborenen-Station.“ sagt mir Nora, unsere Stationssekretärin, als ich zur Tür reinkomme und alle freudig begrüßen möchte. Schnell vergeht mir das Lächeln. Meine Reaktion: „Och nee, nicht schon wieder. Und wer fehlt diesmal ? Obwohl, vergiss es, ich will’s gar nicht wissen.“ Nora zuckt entschuldigend mit den Schultern. Sie teilt mir nur den Entschluss mit, die Entscheidung kommt von unserer Zentrumsleitung. Du fragst dich was das Zentrum ist ? Ganz einfach: die Kinder- Entbindungs- & Neugeborenen-Stationen gehören zusammen und helfen sich gegenseitig, tauschen sich aus und sind somit stets in Kontakt. Daher ist es selbstverständlich, dass man in personellen Notlagen füreinander da ist.

Ich laufe wieder Richtung Ausgang, um auf die Neugeborenen-Station zu gehen. Sarah, eine examinierte Kollegin, kommt mir entgegen und schaut mich verdutzt an. „ Ich muss wieder runter auf die NGB“, sage ich und rolle dabei mit den Augen. „ Das kann doch nicht wahr sein. Es ist Mittwoch, die Ambulanz wird boomen und die Station ist bestimmt mal wieder voll. Wie sollen wir das mit zwei Examinierten schaffen ?“, fragt sie mich empört. Ich erwidere, dass ich gerne bleiben würde und wünsche ihr trotzdem einen ruhigen Dienst.

Vor der Neugeborenen-Station angekommen, stecke ich den Schlüssel in das Schloss und mache die Tür auf. Mir kommt eine wohlig warme Luft entgegen. Es ist ruhig und riecht nach frisch gewaschenem Baby, gemischt mit dem Geruch von Desinfektionsmittel. Eine Kollegin vom Frühdienst füttert gerade ein Neugeborenes über eine Magensonde im Intensivbereich der Station. Sie lächelt mir zu, als sie mich sieht. Ich lächle zurück und schaue anschließend vom Schreibtisch in die andere Richtung der Station, auf der sich die kranken, aber nicht intensivpflichtigen Neugeborenen befinden. Während mein Blick die andere Kollegin sucht, sehe ich zwei Mütter in Bademänteln und Thrombosestrümpfen. Eine Mama versucht ganz zaghaft die Windeln ihres Babys zu wechseln. Die Andere zieht ihrem Neugeborenen eine Socke an, um die Braunüle am Fuß zu schützen. Eine andere Mama kommt langsam auf mich zu. Ihr Gang erinnert mich an den eines Pinguins. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sehr eine Geburt weh tut. Sie hält eine kleine Flasche mit gelblicher Milch in der Hand. Sie hat abgepumpt und möchte, dass ich die Milch in den Kühlschrank stelle.

Die gesuchte Kollegin findet mich zuerst und bedankt sich herzlich, dass ich aushelfe. „Sonst hätte ich hier noch weiter machen müssen.“

Meine Spätdienst-Kollegin, mit der ich die letzten zwei Male auch schon Dienst hatte, kommt kurz darauf zur Tür rein und begrüßt uns alle. Sie macht sich einen Kaffee und wir teilen uns wieder in die zwei Bereiche auf. Sie übernimmt den Intensivbereich und ist damit gut bedient. Theoretisch müsste sie auch ein Auge auf „meine“ Patienten haben. Ich bin nicht nur stationsfremd, sondern auch nicht examiniert. In der Praxis übernehme ich den anderen Bereich und bin größtenteils auf mich allein gestellt. Vor meiner Einstellung auf der Kinderstation habe ich ein Praktikum auf der Neugeborenen-Station absolviert und kenne mich daher mit dem Arbeitsablauf aus.

Meine Aufgaben für heute sind stündlich Blutzucker messen, Assistenz beim Blutabnehmen, die Kontrolle der Temperaturen der Patienten, das Füttern der Neugeborenen und vieles mehr. Hin und wieder schreit ein kleiner Patient, braucht ein Windelwechsel oder mal die Flasche. Ich renne von Neugeborenem zur Akte und wieder zurück. Muttermilch oder Zufüttern mit Flasche? Erlauben die Eltern einen Schnuller oder wollen sie dies nicht? Nebenbei kontrolliere ich die Vitalparameter der Patienten. Frisch gebackene Eltern kommen und gehen, Untersuchungen finden noch am Nachmittag statt. Eine Geburt mit gesundem Neugeborenen wird nach einer Erstuntersuchung auf die Entbindungsstation zur Mutter gebracht. Wie lege ich hier nochmal eine neue Akte an? Die Kurven sehen ganz anders aus als bei uns. Ach, und das Dokumentieren nicht vergessen!

Alles meistere ich mit einem gewissen Selbstbewusstsein, welches ich mir über die Jahre auf der Kinderstation angeeignet habe.

Abends, kurz vor Dienstende, sehe ich eine Mama in der Stillecke sitzen. Sie versucht ihr Kind zu stillen, verzweifelt allerdings langsam daran. Sie sieht mich und fragt etwas schüchtern: „Entschuldigen Sie, können Sie mir helfen? Die Stillberaterin hat mir heute zwar geholfen, aber ich schaffe es nicht. Ich stelle mich dabei anscheinend dumm an, möchte aber so gerne, dass es klappt.“ Ich lächle sie an und gehe auf sie zu. Dabei denke ich voller Panik darüber nach, wie ich ihr helfen könnte. Auf der Kinderstation habe ich mit Stillen nichts zu tun. Die andere Kollegin kümmert sich gerade um ein beatmetes Neugeborenes. Mein Selbstbewusstsein schwindet. Mir wird bewusst, dass, völlig egal wie viel Erfahrung ich doch gesammelt habe, mein Wissen für das Aufgabenfeld eines/r Gesundheits- und Kinderkrankenpflegers/in ohne Ausbildung niemals reichen wird. Dabei geht es über eine Stillberatung hinaus. Was ist, wenn ich etwas Wichtiges übersehe oder nicht erledige? Atmet jeder auch altersgerecht? Ist das Kind gerade etwas gräulich um die Nase? Ich schäme mich ein wenig. Aber ist das alles meine Schuld? Es wurde festgelegt, dass ich hier aushelfen soll. Es wird festgelegt, dass ich Verantwortung für Aufgaben übernehme, die ich zwar erledige, aber laut gesetzlicher Bestimmung nicht übernehmen darf. Ich könnte „Nein“ sagen, aber traue mich nicht. Einerseits denke ich, dass ich nicht alles meistern kann, andererseits möchte ich meine Kollegen auch entlasten. Was darf ich eigentlich alles tun, was habe ich schon alles unerlaubterweise getan? Was traue ich mir eigentlich zu?

Plötzlich erinnere ich mich an meine Praktikumszeit. Unsere Stillberaterin im Haus hat immer ein paar Tricks auf Lager. Ich nehme den kleinen Kopf in die Hand und lenke ihn geschickt zur Brust. Es tut sich erstmal nichts. Der Kleine scheint unbeeindruckt von meinem Handgriff. Doch dann, ganz langsam, fängt er an zu saugen. ERFOLG. Die Mama ist begeistert und strahlt mich an. Ich lächle, als wäre das absolute Routine für mich und drehe mich um. Am Schreibtisch angekommen, atme ich tief durch.

Puh, nochmal Glück gehabt…

Schwester X

Mein Herz schlägt fürs Krankenhaus. Trotz dieser Leidenschaft gibt es auch viele Tage, an denen ich mich frage: ” Wieso bin ich nochmal hier? ” Ich will euch mit dem Pflegetagebuch einen kleinen Einblick in den anstrengenden und doch sehr schönen Krankenhausalltag der Pflege gewähren. Da sagt nochmal einer, wir würden nur Kaffee trinken!

P.S. Der Name Schwester X soll keinesfalls den Beruf der Gesundheits-& (Kinder-)Krankenpfleger degradieren. Der Name wird hier verwendet, da wir viele positive Eigenschaften wie Fürsorge und Humanismus mit dem Begriff assoziieren. Zudem nennen die kleinen Patienten jeden mit Kasack und Hose “Schwester”. So wie mich Nicht-Examinierte auch.

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