Blogbeitrag

Die PJlerin | Nur Fliegen ist schöner

Warum ich ein Herz für AnästhesistInnen habe und was das mit Flugzeugen zu tun hat.

Das letzte Tertial meines Praktischen Jahres verbringe ich in meinem Wahlfach Anästhesie. Da dieser Bereich mich schon immer fasziniert hat, lag es auf der Hand, hier einen Teil meiner Ausbildung zu verbringen. Mit einer Kombination aus Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie ist jeder Tag aufs Neue ganz anders. Wohl kaum ein anderes Fachgebiet bewegt sich dabei so oft auf der Grenze zwischen gelebter Routine und Notfallsituationen.

Nicht nur im Haushalt oder im Straßenverkehr kommt es zu Notfällen, sondern (noch viel öfter vermutlich) auch in der Klinik. Was machst du also, wenn dein Patient nicht mehr richtig schnauft, der Blutdruck sich nicht mehr messen lassen will oder das Hautkolorit von blass zu blau wechselt? Richtig. Du rufst das Notfallteam.

Blöd nur, wenn du das Notfallteam bist.

Nach zwei Monaten im OP steht nun endlich die lang ersehnte Rotation auf die anästhesiologische Intensivstation an. Es ist 16:00 Uhr. „Warum bin ich eigentlich noch da?“, denke ich gerade als das Telefon klingelt. Der durchdringende Ton des Reanimationsfunks schallt einige Sekunden über die Station. Zwei Pfleger schnappen sich den Notfallwagen mit Defi und Beatmungsgerät. Ich folge der Dienstärztin und zu viert eilen wir auf Station 4C. Dort hat das Pflegepersonal schon mit Reanimationsmaßnahmen begonnen. Alles geschieht für mich wie im Zeitraffer. Der Patient wird intubiert, bekommt Medikamente und wird im Anschluss von uns auf die Intensivstation gebracht.

Risiken reduzieren – Das Schweizer-Käse-Modell

Wo Menschen arbeiten, geschehen Fehler. Kein System, auch in Hochrisikobereichen, ist perfekt genug, um 100% Sicherheit zu garantieren. Deswegen gilt es Fehler frühestmöglich zu erkennen oder direkt zu vermeiden. Wie schafft man das? Das Schweizer-Käse-Modell beschreibt bildlich die verschiedenen Sicherheitsebenen als übereinanderliegende Käsescheiben. Weil aber keine Sicherheitsvorkehrung vollkommen ist, hat jede Ebene Schwachstellen oder Lücken vergleichbar mit den Löchern im Käse. Durch ungünstige Umstände kann es passieren, dass aus allen Ebenen Käselöcher übereinander zum Liegen kommen und ein Fehler durch die so entstandene Lücke hindurch passt. Das Chance dafür wird aber geringer, je mehr Sicherheitsebenen (=Käsescheiben) übereinandergelegt werden.

Beispiel OP-Planung:

Nicht nur in den OP-Plan und in den Aufklärungsbogen wird der geplante Eingriff eingetragen, sondern auch auf dem Narkoseprotokoll bei der Prämedikation. Noch auf Station wird im Idealfall die OP-Seite mit einem Kreuz auf dem Patienten gekennzeichnet und beim Einschleusen in den OP und vor der Einleitung der Narkose werden vom Patienten erneut Name, Geburtsdatum, geplanter Eingriff und mögliche Risiken abgefragt. Der ideale Patient trägt dabei sein Patientenarmband, mit dem er sicher identifiziert werden kann und vor dem ersten Schnitt wird ein Team Time Out im Saal durchgeführt, wo erneut Patientendaten, Eingriff und mögliche Risiken zwischen Operateuren und Anästhesie abgeglichen werden. All das sind Sicherheitsebenen.

Umgang mit kritischen Situationen

Nein, so ein Notfall wie oben beschrieben passiert auch auf einer Intensivstation nicht jeden Tag, aber wenn, dann muss alles funktionieren. Dann müssen Handgriffe sitzen, Standards abgearbeitet werden und die Kommunikation muss stimmen. Zum einen haben Checklisten, Algorithmen und SOPs (= standard operating procedures) ihren Weg in die Medizin gefunden:  Gerade in der Notfall- und Intensivmedizin versucht man mit erprobten Sicherheitssystemen der Luftfahrt Ordnung in das Chaos zu bringen, bzw. erst gar kein Chaos entstehen zu lassen. Zum anderen lässt man mittlerweile KlinikmitarbeiterInnen simulierte Notfallszenarien durchspielen, ähnlich wie auch PilotInnen regelmäßig in Flugsimulatoren den Umgang mit Zwischenfällen an Bord trainieren.

Und wenn es doch passiert? – Die richtige Fehlerkultur

Nicht jeder Fehler führt direkt zur Katastrophe. Hier mal eine vergessene Laborkontrolle, dort eine abweichende Medikamentendosierung. Die meisten Fehler bleiben oft ohne schlimme Folgen und nur die wenigsten Fehler haben schwerwiegende Konsequenzen. Richtige „Katastrophen“ sind dabei nur selten die Folge eines einzelnen Fehlers und das vergessene OP-Instrument im Bauchraum ist ein, natürlich schwerwiegender, Exot.

Unter PilotInnen wird schon lange eine offene Fehlerkultur praktiziert. Hier steht nicht mehr die Frage „Wer ist schuld?“ im Vordergrund, sondern vielmehr „Wie konnte es zu dieser Situation kommen und wie kann man dies in Zukunft vermeiden?“.

Zwischenfälle während eines Fluges werden schon seit Jahren in einem internen Meldesystem dokumentiert. Probleme, mögliche Ursachen und auch Lösungen werden dadurch für andere PilotInnen offen kommuniziert. Die Idee dahinter ist, dass nicht jede/r Einzelne erst selber einen Fehler machen muss, um daraus zu lernen. Gleichzeitig sollen systematisch-technische Probleme früher erkannt werden, z. B. wenn immer ein bestimmter Fehler bei einem Flugzeugtyp auftritt.

Ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung der Patientensicherheit und dem Prägen einer offenen Fehlerkultur war somit die Einführung von sogenannten Critical Incident Reporting Systemen (CIRS) in der Medizin. Diese existieren sowohl kliniksintern, als auch fachspezifisch. Auf diesen Plattformen berichten ÄrztInnen und Pflegekräfte anonym über (Beinahe-)Zwischenfälle. Experten bereiten diese Fälle auf und bieten Lösungsvorschläge an. Im Anschluss wird der Fall auf der Plattform veröffentlicht.

PJ in der Anästhesie

Egal welches Fach du als Mediziner/in später einmal machen möchtest: Ich kann dir ein PJ-Tertial in der Anästhesie nur empfehlen. Es lohnt sich um den Umgang mit hochpotenten Schmerzmitteln, kreislaufwirksamen Medikamenten und anderen wichtigen Medikamenten kennenzulernen und auch, um ein Stück weit die Angst vor der Atemwegssicherung zu verlieren. Was kann ich tun, wenn mein Patient stärkste Schmerzen hat? Er auf einmal eintrübt oder zu hohen/zu niedrigen Blutdruck hat? Wie gehe ich mit Routine um und wie reagiere ich auf Notfälle?

 

Eines muss noch gesagt werden: Die Medizin ist so sicher wie nie zuvor und es wird stetig an weiteren Verbesserungen gearbeitet. Trotzdem lohnt es sich, sich in ein Umfeld zu begeben, indem man die Chance hat sein eigenes Handeln immer wieder zu reflektieren und den richtigen Umgang mit kritischen Situationen zu lernen. Das MUSS NICHT die Anästhesiologie sein und ist natürlich auch sehr vom Team abhängig, aber dieses Fach bietet sich meiner Meinung nach sehr für diese Fragestellungen an.

Die PJlerin

Ab ins Praktische Jahr! Nach 10 Semestern voller Theorie im Medizinstudium habe ich im Mai mein PJ begonnen. Bis April 2019 werde ich euch ein Jahr lang von meinen Erlebnissen mit Höhen und Tiefen berichten und euch einen ehrlichen Einblick in den Klinikalltag geben.

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