Blogbeitrag

Ernährungsliteratur – Teil 2

Im ersten Teil des Artikels »Ernährungsliteratur – Hilfreich oder verschwendetes Geld?« ging es um einen kurzen Überblick über die verschiedenen Bucharten im Literaturdschungel Ernährung. Nun soll es um den Inhalt der Ernährungsbücher, die gerne mal den Anspruch erheben, die Diskussion um die einzig wahre und richtige Ernährung ein für alle Mal zu klären, gehen.

” Der neue Star am Ernährungsguru-Himmel belegt doch alles mit Experimenten und Studien? “

In vielen Fällen werden leider zahlreiche Confounder (Störfaktoren, die Ergebnisse verzerren können) nicht ausreichend berücksichtigt (Korrelation ≠ Kausalität bzw. Zusammenhang ≠ Ursache!).

“X ist Ursache für Erkrankungen westlicher Industriestaaten.”

Der Durchschnittsmensch in westlichen Industrieländern, der an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischen Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Krebs, psychischen Erkrankungen, etc. erkrankt, ist nicht regelmäßig sportlich aktiv, ernährt sich industriezucker- und fettarm und hat seine Erkrankung lediglich dem Jogurt im selbstgemachten Müsli und dem Stück Fleisch oder dem Schafskäse zum Salat zu verdanken. Der Durchschnittsbürger westlicher Industriestaaten konsumiert nahezu täglich Fleisch, Industriezucker, Alkohol und Tabak und pflegt seine Work-Life-Balance, indem er sich nach 8 Stunden im Büro auf sein Sofa begibt. Zugegebenermaßen stark schwarz-weiß formuliert. Aber in westlichen Industriestaaten werden Erkrankungen von vielen ungesunden und dadurch mit X korrelierenden Lebens- und Umweltfaktoren verursacht.

“Menschen mit pflanzenbasierter Ernährung sind nachweislich gesünder als Menschen mit omnivorer Ernährung.”

Menschen, die (auch langfristig) vegan werden, tun das meist nicht von 0 auf 100 von einer ungesunden Lebensweise aus, sondern zusätzlich zu ihrem ohnehin schon gesunden Lebensstil.
Veganer sind insgesamt eher gesundheitsbewusste Menschen (regelmäßiger Sport, Nichtraucher, wenig bis kein Zucker, Alkohol und Koffein, …).

Menschen mit Zugang zu veganer Ernährung gehören zudem generell höheren (und somit tendenziell gesünderen) Bildungs- und Einkommensschichten an.

“Vegane Ernährung verursacht Mangelerscheinungen.”

Ja, weil die meisten unwissend tierische Produkte einfach weglassen, ohne deren Nährstoffe mit pflanzlichen Produkten zu ersetzen oder zu veganen Fertigprodukten greifen. Wird eine Ernährungsumstellung informiert durchgeführt, enthalten einige pflanzliche Nahrungsmittel aber sogar mehr bspw. Protein als tierische Produkte.

“Seit Ernährungsumstellung xy fühle ich mich wie neu geboren.”

Meist werden Ernährungseinstellungen mit allgemeinen Umstellungen im Lebensstil verknüpft (regelmäßiger Sport, mehr an die frische Luft, …). Welche Ernährungsumstellung genau ist daher bei den meisten erst einmal irrelevant, nur dass etwas geändert wird.

“Mit einem xy am Tag wurde dieser Mann 100 Jahre alt.”

Darauf haben zahlreiche physische und psychische Faktoren einen Einfluss.

„Damit habe ich aber in einem viertel Jahr 15 kg abgenommen!“

Die Auffassung, Ernährungspraktiken, mit denen schnell Gewicht reduziert werden kann, seien auch gesund und nachhaltig, ist teilweise leider noch immer erschreckend weit verbreitet.

(Mein Statistikprofessor könnte diese Liste wohl noch etwas fortführen)

Ein großer Anteil der Bevölkerung ernährt sich auf eine Weise ungesund, um das zu erkennen braucht es keine wissenschaftlichen Bücher und Studien. Paradoxerweise gibt es bei der Auffassung, ob ein Lebensstil ungesund ist, nicht solche Diskussionen als dabei, ob ein Lebensstil gesund ist.

Ist der neueste Bestseller, dass diese und jene Ernährung diese und jene Erkrankung verursacht nicht letztendlich effektiv wie die Bilder auf den Zigarettenschachteln?

Wie lautet also das Fazit?

Was fehlt, ist nicht das “richtige” Wissen, sondern die richtige Motivation. Die menschliche, psychologische Komponente statt erhobenem Zeigefinger und Panikmache vor Erkrankung X (damit erzeugte Motivation nimmt so schnell ab wie die Besucherzahlen im Fitnessstudio im Januar) vermisse ich persönlich in vielen Büchern und Artikeln über „die nächste Ernährungssau im Dorf“. Viele, die sich gerne gesünder ernähren möchten, sind mit der zweitbesten, vielleicht nicht ganz so gesunden Lebensweise, mit der sie sich dafür aber identifizieren können, noch immer besser gestellt gegenüber ihrem Status Quo.

In meiner Arbeit als Fitnesscoach erlebe ich es nicht selten, dass Menschen einen für sie richtigen Ansatz, eine Motivation gefunden haben, sich gesünder zu ernähren und gesünder zu leben. Sie die vermeintlich gut gemeinten Ratschläge von allen Seiten von Kollegen, Bekannten und Mittrainierenden aber resignieren und wieder in alten Verhaltensmustern landen lassen, weil sie es ja sowieso nicht richtig machen können.

Ich persönlich finde Ernährungsbücher ideal, um sich basierend auf einem Grundverständnis mit verschiedenen Positionen und Ausprägungen zu befassen oder noch die letzten % zu optimieren und aus sich herauszuholen. Aber gerade Einsteigern, die sich eher von 0 zu einer gesünderen Ernährungs- und Lebensweise ändern möchten, würde ich empfehlen, nicht direkt zu jedem Buch zu greifen, das beim Wocheneinkauf im Regal der Spiegelbestseller steht oder in den Sozialen Medien angepriesen wird.

Solange ihr euch im Supermarkt öfter am Obst- und Gemüseregal und der Frischetheke findet als bei den Fertigprodukten und Süßigkeiten, ist es zweitranging, ob ihr hier einkauft oder im fancy Bioladen nebenan. Ob eure Ernährung kohlenhydrat- oder fettreicher ist. Ob ihr Fleisch in Maßen und Milchprodukte esst oder nicht. Ihr seid vielen Menschen bereits einen riesigen Schritt voraus.

(Ergänzung: Die Perspektive dieses Artikels auf Ernährung lässt ggf. ethische Zusatzüberlegungen außen vor und beschränkt sich auf die gesundheitliche Perspektive.)

Hinweis: Vor der Veröffentlichung wird jeder Artikel von unserer Redaktion geprüft. Dennoch spiegelt unser Blog nicht zwingend die Meinung des Vereins wider. Einzelne Positionen oder Bewertungen in den Artikeln basieren grundsätzlich auf der Meinung des Autors / der Autorin.

Katja Stenzel

Ich studiere seit Oktober 2016 Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth. Nebenbei arbeite ich im Fitnessstudio, weil ich gerne Menschen für den Sport als wichtigen Einflussfaktor auf die physische und psychische Gesundheit, Rehabilitation und Prävention begeistere, der – finde ich – leider noch zu wenig Beachtung gegenüber dem primären Gesundheitsmarkt findet. Neben dem Kraftsport finde ich Ausgleich auch im Laufen als meine größte Leidenschaft.

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