Blogbeitrag

Ernährungsliteratur – Hilfreich oder verschwendetes Geld?

Teil 1: “Willkommen im Dschungel der Ernährungsbücher”

Wenn ihr euch mal einen verregneten Sonntagnachmittag vertreiben möchtet, begebt euch doch mal ins Internet und macht euch auf die Suche nach dem besten Buch über richtige Ernährung. Oder wenn ihr noch das Fünkchen Restglauben an die Fähigkeit der Menschen zur konstruktiven Diskussion verlieren möchtet.

In der Theorie klingt es doch relativ simpel: Decke deinen Energieumsatz mit allen notwendigen Makro- (Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette) und Mikronährstoffen (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Pflanzenstoffe und Fettsäuren). Wer mehr Energie durch Nahrung zu sich nimmt, als er durch Bewegung verbraucht, nimmt zu. Wer weniger Energie durch Nahrung zu sich nimmt, als er durch Bewegung verbraucht, nimmt ab.

Wo die Grundlagen enden und die eigentliche Diskussion beginnt, ist umstritten. Die Grundlagen lassen sich aber in etwa so zusammenfassen:
  • Decke deinen Energieumsatz mit etwa 60 % Kohlenhydraten, etwa 20% Fetten und etwa 10 % Eiweiß.
  • Decke den Bedarf an Kohlenhydraten mit mehr langkettigen Kohlenhydraten (bspw. Vollnudeln, Reis und Kartoffeln) als kurzkettigen Kohlenhydraten (Zucker, Fruchtzucker und Milchzucker).
  • Decke den Bedarf an Fetten mit mehr pflanzlichen Fetten (bspw. Nüsse, Avocados und Pflanzenöle) als tierischen Fetten (bspw. Fleisch und Butter).
  • Decke den Bedarf an Fetten mit mehr ungesättigten Fetten (bspw. Pflanzenöle), vor allem den mehrfach ungesättigten, essentiellen Fetten (Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, bspw. in bestimmten Fisch- und Nusssorten) als gesättigten Fetten (bspw. Fleisch und Butter).
  • Decke den Bedarf an Eiweiß mit mehr pflanzlichen Proteinen (bspw. Hülsenfrüchte und bestimmte Gemüsesorten) als tierischen Proteinen (bspw. Fleisch, Fisch und Milchprodukte).
  • Iss mindestens eine Hand voll Obst und Gemüse pro Tag.
  • Trinke viel Wasser.
  • Konsumiere Koffein und Alkohol in Maßen.

„Wir werden ja mittlerweile tagein, tagaus mit immer neuen Ernährungsweisheiten behelligt. – Kein Wunder, dass wir gar nicht mehr groß hinhören, wenn mal wieder eine andere Ernährungssau durchs Dorf getrieben wird.“
– Bas Kast, Der Ernährungskompass

Klingt plausibel, bis aus dem Medien- und Bekanntenkreis die ersten Low Carb-, Low Fat-, Vegetarismus-, Veganismus-, Paleo-, Intermediatefasting-, Ketose- und Säure-Basen-Fetzen vorbeischwirren. Gepaart vom neuen fernöstlichen Ernährungs- und Lebensstil der Schwägerin des Sohnes der Kollegin, die das vergangene Vierteljahr 10 kg abgenommen hat – was einem neulich in der Mittagspause die Vollkornnudeln mit Gemüsesoße trotz der guten Vorsätze schon wieder gehörig versaut hat.

Wo ist die Grenze zwischen richtig und falsch und gibt es das eine richtig und das eine falsch?
  • Nach 20:00 Uhr zu essen ist ungesund.
  • Kohlenhydrate abends sind ungesund.
  • Kohlenhydrate sind ungesund. Low Carb High Fat! No Carb High Fat!
  • Fette verursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Low Fat High Carb!
  • Obst hat Fruchtzucker und ist ungesund.
  • In einem Zeitfenster von nur 8 Stunden zu essen ist gesund.
  • Mit einem Glas Rotwein pro Abend wird man 100 Jahre alt.
  • Tierische Eiweiße und Fette sind die Ursache der Erkrankungen westlicher Industriestaaten.
  • Tierische Proteine sind den körpereigenen Proteinen des Menschen ähnlicher, daher kann der Körper pflanzliche Proteine gar nicht aufnehmen und verarbeiten.
  • Tierische Proteine regen das Zellwachstum an und verursachen Krebs.
  • Der Steinzeitmensch hat auch gejagt und Fleisch gegessen.
  • Der Steinzeitmensch war laktoseintolerant hat auch keine Milchprodukte gegessen.
Welches der 48294 Suchergebnisse auf Amazon ist denn nun das richtige?

Das Grundlagenbuch
In welchen Lebensmitteln stecken eigentlich Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette und was ist eigentlich der Grund- und Leistungsumsatz?
Vorteil: Gute Grundlagenbücher beschränken sich ohne Wertung auf das Wesentliche, lassen umstrittene Standpunkte außen vor und sind daher relativ übersichtlich.
Nachteil: Darüber, wo Grundlagenwissen aufhört und wo die Diskussion anfängt, herrscht – wie sollte es auch sonst sein – Uneinigkeit.

Das Medizinerbuch
Wenn Dr. med. nach Feierabend nicht nur seinen Patienten zu einem gesünderen Leben helfen möchte.
Vorteil: Medizinerbücher vermitteln fundiertes Wissen ohne Mythen und Halbwissen.
Nachteil: Das Wissen und der Erfahrungsschatz von Medizinerbüchern sind geprägt vom gängigen Wissensstand zur Zeit des Studiums, der praktizierten Fachrichtung, dem Standort und dem Klientel der Praxis.

Die Bibel
Milchprodukte fördern Krebswachstum und pflanzenbasierte Ernährung kann Autoimmunerkrankungen heilen, werdet alle vegan!
Vorteil: Durch die meist alltagssprachliche Schreibweise sind Bibeln angenehm zu lesen und die Bevölkerung kann sich mit dem Autor identifizieren. Bibeln verursachen zudem einen größeren Motivationstritt als sachliches Informationsmaterial.
Nachteil: Die angepriesenen Praktiken der Bibeln sind in vielen Fällen nur für bestimmte Bevölkerungsteile sinnvoll und für einzelne Individuen im schlimmsten Fall sogar schädlich.

Das Sammelwerk
Nach ihrer Herz-Kreislauf-Erkrankung stand Susanne Schmidt-Meier, eigentlich Journalistin bei der Regionalpresse, vor dem gleichen Literaturdschungel wie Tausende. Da man in quasi jedem Studium Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt bekommt, hat sie das eben auf die Ernährungswissenschaften übertragen und uns den Literaturdschungel benutzerfreundlich aufgearbeitet.
Vorteil: Sammelwerke preisen keine eindimensionale bestimmte Ernährungsposition an, sondern stellen viele Positionen in Relation und Verhältnis.
Nachteil: Die Vielzahl an Positionen und Studien kann schnell unübersichtlich werden und zu keiner eindeutigen Ernährungsimplikation für den Leser führen. Das (wissenschaftliche) Fazit liegt – besonders im Ernährungsbereich – zudem immer im Auge des Betrachters, in diesem Fall des Autors.

Das Infomaterial (keine Bücher im engeren Sinn)
bspw. der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V.

Damit der Sohn lernt, dass Äpfel zwar nicht so lecker, aber gesünder als Schokoriegel sind und die Mutter mehr Vollkornprodukte kauft.
Vorteil: Der Fokus vom Infomaterial liegt auf für die breite Bevölkerung möglichst allgemeingültigen, vergleichsweise leicht in den Alltag integrierbaren Ernährungstipps und es werden keine radikalen Positionen vertreten.
Nachteil: Das Infomaterial ist meist sehr allgemein und schemenhaft gehalten. Zudem hat sich das Allgemeinwissen oft seit Jahren etabliert und sich weniger aktuelleren Erkenntnissen angepasst (Bspw. die traditionelle Auffassung Kuhmilch sei aufgrund des Kalziums wichtig für Knochen).

Also klappe ich meinen Laptop wieder zu, spare mir das Geld und öffne mir bei einer neuen Folge auf Netflix auf dem Sofa meine Tüte Chips?

Pro Ernährungsbücher:

  • Zum Einstieg vermitteln gut recherchierte Bücher – solange nicht gleich zu Extrempositionen gegriffen wird – ein gutes Grundlagenwissen.
  • Aber auch für Fortgeschrittene ist es sehr interessant, verschiedene Ansätze und Positionen zu lesen und zu vergleichen, solange nicht alles direkt so absegnet und auch für sich selbst als geeignet eingestuft wird.
  • Ein gutes Buch – nicht nur im Ernährungsbereich – zu lesen erzielt einen Motivationseffekt, etwas zu verändern.

Contra Ernährungsbücher:

  • Es ist als Nicht-Mediziner, -Biologe, -Biochemiker oder -Ernährungswissenschaftler oftmals sehr schwer, zwischen Sinn und Unsinn des neusten Bestsellers im Genre der Ernährungsliteratur zu unterscheiden (selbst die Fachleute sind sich ja nichtmal einig!).
  • Selbst wenn Studien zitiert werden, sind Studien immer begrenzt repräsentativ und zumindest die nächsten Jahre wird es ohnehin eher keine abschließende Meinung zum Thema richtige Ernährung geben.
  • Selbst die beste Information und der beste Tritt in den Hintern hilft nichts, wenn langfristig Motivation und Identifikation mit der angepriesenen Ernährungs- und Lebensweise fehlen.
Aber der neue Star am Ernährungsguru-Himmel belegt doch alles mit Experimenten und Studien?

Warum (vermeintlich) empirisch abgesicherte Positionen zur richtigen Ernährung nicht unüberlegt so angenommen werden sollten, darum geht es im Teil 2 des Artikels »Ernährungsliteratur – Hilfreich oder verschwendetes Geld?«.

Katja Stenzel

Ich studiere seit Oktober 2016 Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth. Nebenbei arbeite ich im Fitnessstudio, weil ich gerne Menschen für den Sport als wichtigen Einflussfaktor auf die physische und psychische Gesundheit, Rehabilitation und Prävention begeistere, der – finde ich – leider noch zu wenig Beachtung gegenüber dem primären Gesundheitsmarkt findet. Neben dem Kraftsport finde ich Ausgleich auch im Laufen als meine größte Leidenschaft.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • […] Im ersten Teil des Artikels »Ernährungsliteratur – Hilfreich oder verschwendetes Geld?« ging es um einen kurzen Überblick über die verschiedenen Bucharten im Literaturdschungel Ernährung. Nun soll es um den Inhalt der Ernährungsbücher, die gerne mal den Anspruch erheben, die Diskussion um die einzig wahre und richtige Ernährung ein für alle Mal zu klären, gehen. […]

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    • Verena Krone
      3. Juli 2019 07:17

      “Die Grundlagen lassen sich in etwas so zusammenfassen…” … Woher stammen denn bitte schön, die hier beschriebenen Grundlagenempfehlungen? … Das ist ja noch nicht einmal DGE Niveau. … Wirkliche Fachleute sind sich übrigens in sehr vielen Bereichen der Ernährungsempfehlungen einig. … Denn wer die Biochemie und Physiologie des menschlichen Körpers kennt, weiß, was unserem Körper gut tut und was eher nicht so. Mal sehen, was der zweite Teil so bringt. Mehrwert habe ich hier nicht entdecken können. Schade eigentlich.

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