Blogbeitrag

Die PJlerin | Schwimmen lernen

So ist es also, das Praktische Jahr.

Ich hatte es mir genau SO und doch ganz anders vorgestellt. Letzteres hängt aber eher mit meiner Angewohnheit zusammen, mit dem Schlimmsten zu rechnen:
Die KollegInnen? Schlecht gelaunt und gestresst. Der Chef? Ein Choleriker. Die PJlerin? Überfordert und resigniert.

Zum Glück kam es anders. Die ersten Wochen im chirurgischen Tertial haben mich bisher in die Bereiche der Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie geführt:

Aller Anfang ist…

…holprig
Der erste Tag begann um 7:30 vor dem Büro des PJ-Koordinators. Zu meinem Erstaunen traf ich keine anderen Studierenden. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Es folgte eine kurze Begrüßung und die Frühbesprechung, in der ich noch warm angezogen, bepackt, nervös und ohne Frühstück fast umfiel. Anschließend durfte ich mir aussuchen, in welcher Abteilung ich beginnen wollte. Einen festen Plan gab es scheinbar nicht. So fand ich mich wenige Minuten später im Stationszimmer der Allgemeinchirurgen wieder. Scheinbar wusste niemand darüber Bescheid, dass eine PJlerin heute startet. Die Überraschung war also erstmal geglückt.

Es folgten noch mehr Begrüßungen, Namen und Gesichter und im Anschluss wurde ich mit Dienstkleidung ausgestattet und direkt mit in die Ambulanz genommen. Dort schaute ich erstmal zu, versuchte das Dokumentationssystem (es gibt auch noch zwei verschiedene Systeme) der Klinik zu verstehen und huschte zwischendurch in die Personalabteilung und zur Haustechnik um den nötigen bürokratischen (Arbeitsvertrag) und organisatorischen (Schlüssel, Computerzugang) Aufwand zu erledigen.

Meine Kollegen gaben sich alle Mühe mich in kurzer Zeit in die Arbeitsabläufe einzuarbeiten:

Wann ist Visite? Wo findet die Röntgenbesprechung statt? Wie werden Konsile geschrieben?

Die Zeit raste mit 1000 neuen Eindrücken an mir vorbei bis ich um 15 Uhr nach Hause geschickt wurde. In meinem frisch bezogenen Wohnheimzimmer kam ich das erste Mal an diesem Tag zur Ruhe.

So fühlt sich also das kalte Wasser an, in das ich heute Morgen mit Anlauf gesprungen bin. Jetzt heißt es: Schwimmen!

…. gar nicht so schwer
Kleiner Zeitsprung: Es sind fast vier Wochen seit dem Start vergangen. Ich bekomme langsam Routine und gehe jeden Tag mit dem Gefühl nach Hause etwas gelernt zu haben. Meine Arbeitstage beginnen mit der Frühvisite um 7 Uhr. Dort ist immer ein Oberarzt dabei. Im Anschluss folgt die Besprechung: Aufnahmen, Entlassungen, OP-Programm, Infos aus dem Dienst, aktuelle Themen. Diese dauert mal kürzer und mal länger, aber endet meistens damit, dass der OP anruft und damit das Tagesprogramm startet.

Danach heißt es für mich und den Assistenten, dem ich meistens durch den Tag, folge erstmal: Stationsarbeit.

Wer braucht noch einen Zugang? Wo kann die Wunddrainage gezogen werden? Wer darf nach Hause?

Danach geht es entweder in die Ambulanz, wo Notfälle oder Aufnahmen warten oder ich helfe im OP. Meistens halte ich als 2. Assistenz die Haken, darf aber bei kleineren Eingriffen auch richtig assistieren und bei Laparoskopien* (*minimalinvasive Operationstechnik) die Kamera führen.

Regulär endet mein Arbeitstag gegen 15:30 nach der Nachmittagsbesprechung. Manchmal darf ich früher gehen, manchmal bleibe ich länger, wenn es noch etwas zu tun oder zu sehen gibt.

Das Wasser hier fühlt sich schon nicht mehr ganz so kalt an.

Alles in allem fühle ich mich in „meiner“ PJ-Klinik sehr wohl. Die Stimmung zwischen ärztlichem Dienst und Pflege ist überwiegend freundlich und kollegial, die Organisation nicht immer perfekt, aber trotzdem zielführend. Ich darf beinahe sehen, lernen und machen, was ich möchte. Für Blutabnahmen (eine klassische Studierendenaufgabe) gibt es sogar eine eigene Mitarbeiterin. Nach vielen schlechten Erfahrungsberichten und der ein oder anderen „Horrorgeschichte“ von KommilitonInnen aus anderen Kliniken kann ich doch behaupten es mit diesem Tertial wirklich gut getroffen zu haben.

Natürlich ist nicht alles rosig und abgesehen von den vielen spannenden Dingen fühle ich mich oft deplatziert. Ihr wollt Beispiele?

  • wenn ich den Patienten schon mehrfach mit der Nadel gestochen und noch immer keine Vene getroffen habe
  • oder wenn ich am Operationstisch nach der Anatomie gefragt werde und leider ziemlich danebenliege.
  • wenn ich mich zum dritten Mal (oder schlimmer: gar nicht) bei einer OP-Pflegekraft vorstelle, weil ich die Leute mit Mundschutz und Haube andauernd verwechsle.
  • wenn ich bei vielen Tätigkeiten nur danebenstehend zuschauen kann und mir plötzlich ziemlich nutzlos vorkomme.
  • oder mein geschriebener Arztbrief so schlecht ist, dass nach der „Überarbeitung“ durch den Kollegen quasi nichts mehr davon übrig ist.

An manchen Abenden bin ich körperlich und geistig so müde, wie ich es selten erlebt habe. Dazu kommt ein straff organisiertes Freizeitprogramm, die Doktorarbeit, die ich versuche nebenbei zu bewältigen und ein Schlafrhythmus, der sich noch nicht ganz auf das frühe Aufstehen umgestellt hat.

Und dann gibt es auch die Momente, in denen ich genau weiß, dass ich nichts anderes tun möchte:

  • wenn der venöse Zugang beim ersten Versuch liegt.
  • ich im Ultraschall den entzündeten Blinddarm auf Anhieb finde.
  • ein nettes Wort vom Oberarzt oder zwischendurch ein Lob mich wieder ein kleines Stück mehr in die neue Rolle wachsen lässt.
  • wenn ich bei einem zufriedenen Patienten die Nahtklammern entfernen darf.
  • oder wenn ich im OP stehe, mit der Hand vorsichtig den Darm zur Seite halten soll und merke wie sich dieser stetig zwischen meinen Fingern durchschlängeln möchte. (Habe ich schon erwähnt wie sehr mich die Chirurgie fasziniert?)
Kopfsprung statt Bauchplatscher

Immer, wenn es gar nicht möglich ist noch näher am Menschen und am prallen Leben zu sein: Das sind die Momente, in denen ich merke, dass es jedes Testat, jedes durchgelernte Wochenende und jedes Semester wert war. Klingt das zu naiv? Oder zu begeistert? Gerade ist mir das egal. Die Medizin hat mich fest im Griff und hoffentlich kann ich diese Begeisterung noch lange genug bewahren, um die vielen unschönen Situationen, traurigen Momente und Fehler, die noch geschehen werden, auszugleichen.

Den letzten Block des Tertials werde ich bis September in der Unfallchirurgie verbringen. Ich halte euch natürlich auf dem Laufenden.

Die PJlerin

Ab ins Praktische Jahr! Nach 10 Semestern voller Theorie im Medizinstudium habe ich im Mai mein PJ begonnen. Bis April 2019 werde ich euch ein Jahr lang von meinen Erlebnissen mit Höhen und Tiefen berichten und euch einen ehrlichen Einblick in den Klinikalltag geben.

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