Blogbeitrag

#Märchenstunde – Kapitel 2: Medizinisches Cannabis

Medizinisches Cannabis: Wundermittel oder Hippie-Droge?

Cannabis und seine Legalisierung ist nicht nur in Deutschland ein Thema, das polarisiert. Insbesondere öffentlicher Druck hat in vielen Staaten zur Legalisierung der Pflanze als medizinisches Produkt sowie als Genussmittel geführt. Seit März 2017 gilt in Deutschland eine gesetzliche Änderung zur Verschreibungsfähigkeit, die die bisherige finanzielle Belastung von schwerkranken Personen, die auf medizinisches Cannabis angewiesen sind, deutlich reduziert. Aber warum benötigen manche Personen eigentlich Cannabis als Medikament? Welche Nebenwirkungen gibt es? Und welche Alternativen?

©Michael Fischer von Pexels
Cannabis als Medizinprodukt

Der Einsatz von Cannabis als medizinisches Produkt kann geht in der Geschichte schon bis auf ca. 2.000 v. Chr. zurück. Aus dieser Zeit stammen erste Belege für den Gebrauch von Cannabis in der frühen chinesischen Medizin. In Deutschland können Patienten die Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt heutzutage auf ärztliche Verschreibung hin und mit Genehmigung der Krankenkasse in der Apotheke erhalten.  Und auch finanziell können Schwerkranke seit der geänderten Gesetzeslage aufatmen: Die Kosten für Cannabis belaufen sich nicht mehr wie zuvor auf bis zu EUR 2.000,00 monatlich, sondern bewegen sich nun im Rahmen der gesetzlichen Zuzahlung zwischen EUR 5,00 und EUR 10,00 pro Rezept – je nach Schwere der Krankheit ist auch eine vollständige Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse möglich.

Aber: (Wie) Wirkt das überhaupt?

Die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis gilt für einige spezifische Krankheiten als medizinisch-wissenschaftlich anerkannt. Besonderen Erfolg verspricht der Gebrauch von Cannabis-Produkten bei der Therapie von chronischen Schmerzpatienten und Cluster-Kopfschmerz-Patienten. Auch bei Multipler Sklerose kann Cannabis helfen, Schmerzen und Spastiken zu reduzieren. Cannabis hat enormes Potential – positive Auswirkungen bei Demenz aber auch Epilepsie, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Tourette-Tics und Morbus Parkinson wurden bereits festgestellt. Allerdings gibt es hierzu insgesamt immer noch großen Forschungsbedarf.

Wo ist der Haken?

Wie alle Medikamente hat auch Cannabis Nebenwirkungen: Erschöpfungszustände, Antriebslosigkeit und Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit können nach dem Konsum eintreten. Mischt man Cannabis mit Tabakprodukten kann das außerdem auch die Lunge schädigen. Auch ist die Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit möglich.

Warum dann nicht gleich Schmerztabletten?

Na, die haben auch Nebenwirkungen, die nicht zu unterschätzen sind: Opioide können zum Beispiel Obstipation und Konzentrationsstörungen verursachen aber auch langfristige Nebenwirkungen wie Abhängigkeit, Atemdepression und Toleranzentwicklung nach sich ziehen. Zudem kann übermäßiger Schmerzmittelkonsum zu Folgeerkrankungen der Organe wie z. B. Nierenleiden führen. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), wie etwa Ibuprofen, können Schädigungen des Magen-Darm-Trakts, des Herz-Kreislauf-Systems und der Nierenfunktion verursachen.

Pharmazie vs. Cannabis – wer gewinnt? 

Schmerzpatienten haben es nicht leicht: Die medikamentöse Versorgung ist aufgrund der Vielfalt der Erkrankungen und ihrer Ursachen teils schwierig und ungenügend. Patienten mit Resistenz gegenüber herkömmlichen Analgetika können nicht ausreichend behandelt werden oder müssen mit starken Nebenwirkungen leben. Der Gebrauch von Cannabis als medizinisches Produkt könnte zukünftig vielen Patienten mit unterschiedlichen Krankheiten bei der Symptombekämpfung helfen und neue Möglichkeiten der Schmerztherapie eröffnen. Insbesondere bei spezifischen Erkrankungen wie beispielsweise multiple Sklerose kann auf Cannabis als effektives Heilmittel zurückgegriffen werden.

Letztendlich sollte jeder Patient für sich entscheiden können, auf welche Mittel er zurückgreifen möchte und welche Nebenwirkungen er in Kauf nimmt. Dafür ist in jedem Fall eine umfassende ärztliche Aufklärung sowie eine Festigung und Erweiterung der Studienlage notwendig. So oder so: Die Einnahme von Medikamenten sollte stets gut abgewogen werden – auch wenn‘s „nur ne Ibu“ ist.

Lara Wirbelauer

27, aus Mainz, wohnt und arbeitet in Berlin

Ich habe während meines dualen Bachelor Studiums als Gesundheitstrainerin in der ambulanten Rehabilitation und Patientenberatung gearbeitet. Mit Herzblut stehe ich für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung ein und schaue dabei zu gern über den eigenen Tellerrand hinaus. Aktuell arbeite ich als Werkstudentin in der Wirtschaftsförderung für die Bereiche Medizintechnik, Digital Health und Versorgung. Parallel arbeite ich an meiner Masterthesis zum Thema Telemedizin und Versorgungsgerechtigkeit.
In der Blogserie #Märchenstunde stelle ich aktuelle Gesundheitsthemen kritisch ins Rampenlicht und fordere Euch, unsere Leser, zum Nach- und Mitdenken auf. Ich freue mich auf rege Diskussionen und Feedback!

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Sophie Reißig
    14. Mai 2019 18:31

    Wie im Artikel richtig beschrieben bringt Cannabis viel Potential mit sich. Leider kann man die Umsetzung hier in Deutschland nur bedingt als ausreichend bezeichnen. Das medizinische Cannabis ist leider (lt. Aussagen eines Apothekers) in seiner Wirkung und Gehalt der Inhaltsstoffe sehr begrenzt. Außerdem ist die Bandbreite der Cannabissorten groß und für jeden Patienten sollte die Richtige gefunden werden. In den USA wurden dafür spezielle Shops mit Spezialisten eröffnet. Dort wird je nach Symptom das Beste rausgesucht. In Deutschland fehlt das leider.

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