Grenzen digitalen BGMs

Letzte Woche ging es um die Möglichkeiten eines digitalen Betrieblichen Gesundheitsmanagements (dBGM)Aber sind damit die Lösung für jegliche Herausforderungen und Probleme bei der Implementierung eines BGM gefunden?

Der nächste Schritt ist, diese zahlreichen Vorteile digitaler BGM-Lösungen möglichst flächendeckend in die Praxis zu übertragen. Hierbei sind es meist junge, dynamische, digitalaffine Großstadtunternehmen im Dienstleistungssektor, die in den Netzwerken LinkedIn und Xing die Best Practice-Beispiele hervorbringen und das dBGM in den Köpfen verankern. In der flächendeckenden Praxis zeigen sich je nach Branche, Unternehmensgröße und Mitarbeitendenschaft jedoch verschiedene Hürden.

Geographische Faktoren

So kommen beispielsweise im ländlichen Raum zwei Faktoren zusammen:

  • Dort sind meist klein- und mittelständische Unternehmen angesiedelt. Diese stehen größtenteils bereits beim analogen BGM vor so großen Hürden, die eine BGM Umsetzung nahezu unmöglich machen. Meist sind höchstens einzelne BGF-Maßnahmen etabliert, wie in unserem ersten BGM-Blogartikel beschrieben.
  • Der höhere Altersdurchschnitt im ländlichen Raum führt auch zu einem höheren Durchschnittsalter der Belegschaft als in städtischen Best Practice-Unternehmen. Vielen älteren Mitarbeitenden kann entweder die Erfahrung mit oder aber auch Affinität zu digitalen Anwendungen fehlen.1

Im ländlichen Raum besteht bei der Umsetzung eines dBGM die Herausforderung, auch die ältere Generation, die zum einen die größte Mitarbeitendenschicht darstellt und zum anderen dem größten Krankheitsrisiko ausgesetzt ist, zu erreichen.

Branchenspezifische Faktoren

Ein weiteres Beispiel sind Bereiche wie das produzierende Gewerbe oder die Pflege:

  • Dort haben Mitarbeitende während der Arbeitszeit aufgrund von Sicherheits- und Hygienevorschriften in vielen Fällen keinen Zugriff auf private digitale Geräte. Das bedeutet, dass klassische dBGM-Anwendungen nur in der Freizeit genutzt werden können. Der Betrieb ist jedoch das primäre Setting des BGM.
  • Eine weitere Hürde stellt die innerbetriebliche BGM-Kommunikation dar. So verfügen Mitarbeitende an Produktionsarbeitsplätzen oder in der Pflege oftmals über keine dienstliche E-Mailadresse für BGM-Newsletter oder regelmäßigen Intranetzugang für dortige BGM-Plattformen und Aushänge.1

In Branchen, in denen ein Großteil der Mitarbeitenden nicht klassisch im Büro arbeitet, besteht bei der Umsetzung eines dBGM die Herausforderung, keine Gruppen von BGM-Angeboten auszuschließen.

Quelle: Peter Herrmann via Unsplash

Digitales BGM (dBGM) = Besseres BGM?

In der Corona-Pandemie und ihrer Wirkung als Digitalisierungskatalysator wurde vielfach vermittelt, dass jegliche Unternehmen jetzt handeln und langfristig auf digitale Gesundheitslösungen für ihre Mitarbeiter:innen setzen müssen, um zu bestehen. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass dies nicht in jedem Fall bedeutet, das Best Practice-BGM des jungen Dienstleistungsunternehmens aus der Großstadt 1:1 übernehmen zu müssen. 

Viel wichtiger als eine schwarz-weiß Frage „analog oder digital?“ ist, das Angebots- und Maßnahmenspektrum zielgruppen- und bedarfsgerecht anzupassen und auszurichten. Hierbei können unter anderem geeignete Analyseinstrumente mit partizipativem Ansatz, wie Mitarbeiterumfragen oder Kleingruppenworkshops, den Unternehmen Aufschluss geben.2 3

So können Best Practice-Beispiele auch jenseits der jungen, dynamischen, digitalaffinen Großstadtunternehmen verankert werden und anderen Unternehmen mit Herausforderungen bei der Implementierung eines (digitalen) BGMs als Leuchtturm dienen.

Das langfristige Fazit aus der Corona-Pandemie für das BGM sollte daher nicht sein, dass ein dBGM analoge Maßnahmen komplett ersetzen kann. Sondern neue, erweiterte Möglichkeiten bietet, das BGM eines Unternehmens individuell an verschiedene Mitarbeitendengruppen und Herausforderungen anzupassen.

Quellen:

1 Junker, Nina; Kaluza, Antonia (2017): Möglichkeiten und Grenzen im digitalen BGM aus Unternehmenssicht. In: David Matusiewicz und Linda Kaiser (Hrsg.): Digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement, S. 633.

2 Hoß, Katharina (2020): Mitarbeiterpartizipation in einem ganzheitlichen BGM. In: David Matusiewicz, Claudia Kardys und Volker Nürnberg (Hrsg.): Betriebliches Gesundheitsmanagement: analog und digital, S. 226f.

Olbrecht, Thomas (2020): Erfolgsfaktor Mitarbeiterpartizipation. In: David Matusiewicz, Claudia Kardys und Volker Nürnberg (Hrsg.): Betriebliches Gesundheitsmanagement: analog und digital, S. 235f.

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Katja Stenzel

Katja Stenzel studiert im Master Gesundheitsökonomie an der Uni Bayreuth und brennt für alles rund um das Thema Gesundheitsförderung & Prävention. Praktische Einblicke erwarb sie in Praktika in Betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) im Produktionssektor, Public Health auf Bundesebene und Gesundheitsförderung auf Krankenkassenebene. Derzeit vertieft sie als Werkstudentin ihre BGM-Kenntnisse im IT-Dienstleistungssektor.

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