Der Blick in die Glaskugel: Was erwartet das deutsche Gesundheitswesen in 2022

Figuring out what the next big trend is, tells us what we should focus on. – Mark Zuckerberg 

Er muss es wohl wissen: Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook bzw. heute Meta, fasst gut zusammen, worum es beim Thema „Trend Research“ eigentlich gehen soll. Trendforschung bedeutet, frühzeitig neue Tendenzen, Technologien, Akteure oder Geschäftsmodelle im Markt zu erkennen. Dies ist allerdings nur der erste Schritt. Denn mindestens genauso wichtig ist es, darauf aufbauende Ableitungen zu treffen, wie zukünftige Handlungen, neue Produkte oder Strategien aussehen müssen. Dabei gilt zu beachten: Trends sind nichts kurzfristiges, das von einem auf den anderen Tag entsteht, sondern ein Prozess, dessen frühzeitige Zeichen nicht übersehen werden sollten. Sie alle durchlaufen ähnliche Phasen, die durch den Gartner Hype Cycle beschrieben werden können. Besonders spannend ist der Punkt, an dem ein Trend die kritische Phase des „Tals der Enttäuschung“ hinter sich lässt und langsam seinen Weg in den Alltag findet.

Da Trends eine entscheidende Rolle für das Gesundheitswesen und seine zukünftige Entwicklung spielen, haben wir die Top-5 zusammengestellt, die im Jahr 2022 den „Pfad der Erleuchtung“ bestreiten werden:

Top 1 – Plattformen: Das Rundum-sorglos-Paket für die digitale Gesundheitsversorgung?

Seit einigen Jahren machen amerikanische Akteure, wie der Einzelhändler CVS oder der Spezialist für Männer- und Frauengesundheit Ro vor, wie digitale Services auf Plattformen gebündelt sein können und sich dabei entlang des Patientenpfades orientieren. Sie stellen damit die Weichen für eine neue Gesundheitsversorgung, die schon bald auch in Deutschland eine signifikante Rolle spielen wird. Anbieter kombinieren die Durchführung von Videosprechstunden und das Angebot von digitalen Therapien mit Arzneimittelverordnungen und -lieferungen, aber auch At-Home-Tests. Für die Patient:innen entsteht so eine komfortable Anlaufstelle für eine Vielzahl von Gesundheitsleistungen, die sie bei der Navigation durch den Dschungel unseres Gesundheitssystems unterstützt. Auch erste europäische Unternehmen wie DocMorris – eigentlich als Online-Apotheke bekannt – haben diesen Trend nun aufgegriffen und bauen seit 2021 an eigenen indikationsspezifischen Gesundheitsplattformen, beispielsweise für Adipositas. Die Frage in 2022 ist, wer wird diesem Beispiel folgen – und vor allem wie?

Top 2 – Digitale Prävention: Neue Zielgruppe, neues Glück!

Ein immer wieder gerne verwendetes Narrativ in den letzten Jahren ist: „Die deutsche Gesundheitsversorgung ist eine Krankenversorgung“. Der aktuelle Koalitionsvertrag zeigt allerdings deutlich, dass sich dieser Zustand 2022 ändern soll und Präventionsthemen weit oben auf der diesjährigen (politischen) Agenda rangieren. Damit diese Bestrebungen von Erfolg gekrönt sind, sollte insbesondere eine junge und gesunde Zielgruppe im Fokus stehen. US-Anbieter wie der Versicherer United Healthcare zeigen auf, wie solche Präventionsprogramme zukünftig aussehen könnten. Dabei bietet er seinen Vollversicherten eine einjährige Fitness+-Mitgliedschaft an, um Präventionsmaßnahmen im Bereich Sport und Bewegung insbesondere bei jungen Menschen attraktiv zu machen. Auch in Deutschland kann dieser Trend ab 2022 mit Spannung verfolgt werden und hoffentlich dafür sorgen dass sich ein Blick in die Präventionsleistungen der eigenen Krankenkasse oder den App-Store auf dem Smartphone schon bald lohnen wird.

Top 3 – Senioren & Pflege: Zwischen DiPA und digitaler Dokumentation

Seit längerem ist klar, so kann es nicht weitergehen! Der demografische Wandel steht dem Mangel an Pflegefachkräften in allen Bereichen gegenüber, was insbesondere während der Corona-Pandemie deutlicher denn je zu spüren war. Mit der Umsetzung des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) nehmen digitale Tools – beispielsweise zur Dokumentation – in der stationären Pflege in 2022 einen neuen Stellenwert ein. Gleichzeitig soll noch in diesem Jahr, angelehnt an den DiGA-Fast-Track, ein Zulassungsweg für digitale Pflegeanwendungen (DiPA) entstehen. Digitale Anwendungen in der Pflege können dabei nicht nur Pflegebedürftige, sondern auch ihre Angehörigen und Pflegefachkräfte entlasten. Anwendungen, wie der digitale Pflegeassistent von edith.care oder die Mobilitätsanalyse von Lindera, haben so die Chance, ihren Mehrwert in der Versorgung zu beweisen. Bereits im Herbst 2022 ist mit den ersten DiPA zu rechnen, die das Potential besitzen, einen völlig neuen Markt für Digital-Health-Unternehmer, aber auch die klassische Gesundheitsbranche, zu eröffnen.

Top 4 – Digital-Health-Edukation: Wissen als Schlüssel zum Erfolg

Technologisch, regulatorisch und im Hinblick auf die Vergütung ist die Basis für den Erfolg von Digital Health in der Regelversorgung geschaffen. Woran scheitert eine flächendeckende Integration und Digitalisierung dann noch? An der Edukation aller Beteiligten – Ärzt:innen, Patient:innen, Apotheker:innen. Länder wie Finnland machen seit vielen Jahren vor, wie Digital-Health-Education bereits im Studium integriert oder als festes Weiterbildungsprogramm aufgesetzt wird. Erste Akteure im Gesundheitsmarkt, wie das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim oder die Informations- und Vertriebsgesellschaft DiGA info GmbH, richten nun spezifischen Angebote zur Schulung und Aufklärung von medizinischem Fachpersonal ein. Eine flächendeckende Vermittlung von Digitalkompetenz muss in 2022 als Etappenziel im deutschen Gesundheitswesen erreicht werden, um sicherzustellen, dass Digital-Health-Lösungen ihr Potential in der Versorgung tatsächlich entfalten können. Verbände, Vereine, aber auch Wirtschaft und Politik stehen dabei in der Verantwortung, das neue Wissen über digitale Innovationen zielgruppengerecht zu vermitteln. Ob Informationskampagne oder Online-Forum: Bildung und Wissen werden 2022 zu den entscheidenden Faktoren, die über Erfolg und Misserfolg der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen entscheiden.

Top 5 – M&As im Digital-Health-Markt: The Billion Dollar Digital Health Company?

In einer Zeit, in der ein Rekord-Investment-Jahr das nächste jagt ($29.1 Mrd. in Digital Health allein in 2021 in den USA), sind eine Vielzahl von Digital-Health-Startups entstanden. Um den Erfolg langfristig zu sichern und nachhaltig zu gestalten, wird sich der Markt alsbald konsolidieren müssen. Das Jahr 2022 wird daher durch große M&A-Transaktionen, das heißt Zusammenschlüsse und Zukäufe von Unternehmen, geprägt sein. Dies wurde bereits im Vorjahr beispielsweise durch den Zusammenschluss des US-Telemedizinanbieters Teladoc mit dem Diabetes-Spezialisten Livongo angedeutet. Digital-Health-Unternehmen wird es dabei nicht nur um einen Größenzuwachs und eine gute Positionierung im Gesundheitsmarkt gehen, sondern auch um den Gewinn neuer Talente, die gerade im Tech- und Digital-Health-Bereich immer mehr zur Mangelware werden. Für bestehende Gesundheitsunternehmen kann hierdurch eine Konkurrenzsituation entstehen, die neue Strategien und Geschäftsmodelle fordert, um mit den Billion-Dollar-Companies Schritt halten zu können. Eine neue Arbeitskultur und innovative Berufsbilder können sich dabei schnell zum Wettbewerbsvorteil entwickeln.

Mögen sie zunächst eher branchenspezifisch erscheinen, werden die genannten Trends in 2022 das gesamte Gesundheitssystem betreffen – von Pharmakonzernen, über die gesetzlichen Krankenkassen bis hin zu Krankenhäusern, medizinischem Fachpersonal und Patient:innen. Während sie für Unternehmen innovative Geschäftsmodelle und Produkte bedeuten können, müssen sich Leistungserbringer:innen auf neue Arbeitsabläufe und die flächendeckende Integration von digitalen Tools gefasst machen. Für Patient:innen kommen die Digitaltrends mit vorrangig positiven Nebenwirkungen daher: Neue digitale Begleiter, alternative Therapiemöglichkeiten und niedrigschwellige Zugänge zu Versorgungsleistungen zeigen eindrucksvoll, was Digitalisierung möglich machen kann. Es darf daher mit Spannung erwartet werden, mit welcher Wucht die Trends den deutschen Gesundheitsmarkt 2022 treffen und welche Überraschungen sie für uns bereithalten.

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Ann-Kathrin Weigand

Ann-Kathrin Weigand ist Insights Managerin bei Flying Health. Ihr Fokus liegt darauf, die neuesten Trends im Gesundheitswesen zu erfassen, zu analysieren und gewonnene Erkenntnisse anschaulich aufzubereiten. Gleichzeitig liegt ein Schwerpunkt ihrer Arbeit auf regulatorischen Fragestellungen rund um die Gesundheitsversorgung von morgen. Die Partner von Flying Health unterstützt sie somit immer, ein Bild der nahen und fernen Zukunft der Gesundheitsversorgung vor Augen zu haben.

Lisa Murche ist Communications & PR Managerin bei Flying Health. Sie war bereits in mehreren Unternehmen als Kommunikationsexpertin rund um die Themen Gesundheit, Digitalisierung und Innovation tätig. Dabei kann sie sowohl auf Erfahrungen in etablierten Unternehmen, als auch bei Company Buildern und Startups aus dem Feld der digitalen Gesundheit zurückblicken. Bei Flying Health verantwortet sie die externe Kommunikation, strategische Pressearbeit sowie die Bereiche Event und Social Media.

Lisa Murche

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