Beiträge von Stefanie Fähndrich

Quelle Beitragsbild: Herz Foto erstellt von freepik 

In Deutschland warten aktuell über 9.000 Menschen auf ein Spenderorgan, allein mehr als 7.000 davon auf eine Spenderniere (Deutsche Stiftung Organtransplantation). Neben der Möglichkeit zur postmortalen Organspende gibt es außerdem die Option zur Lebendspende. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Spende einer der beiden Nieren einer Person, die genetisch „kompatibel“ ist und nachgewiesenermaßen dem Patienten in persönlicher Verbundenheit nahesteht.
Weitere Rahmenbedingungen einer Lebendspende sind auf Spenderseite: Volljährigkeit, vollständige ärztliche Aufklärung über den Eingriff sowie potenzielle Spätfolgen, schriftliche Zustimmung zur Spende sowie medizinische Eignung als Spender.
Abbildung 1: Aktuelle Voraussetzungen für eine Lebendspende (https://www.transplantation-verstehen.de/spezialthemen/lebendspende/voraussetzungen)

Von den derzeit insgesamt 2.136 Nierentransplantationen entfallen jedoch lediglich 24,34 % (520) auf eine Lebendspende (Deutsche Stiftung Organtransplantation (2020)). In den Niederlanden kommen 2019 auf 100.000 Einwohner 29 Lebendspenden einer Niere. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl bei 6,3 Lebendnierenspenden pro 100.000 Einwohner (Eurotransplant International Foundation).

Soweit erst einmal die Keyfacts.

Wieso verzeichnet Deutschland hierbei so schlechte Zahlen? Und gibt es bei uns noch Luft nach oben?

Erstens: Der große Unterschied in den Zahlen im Vergleich zu z. B. den Niederlanden kommt daher, dass in Deutschland laut § 8 Absatz 1 Satz 2 Transplantationsgesetz (TPG) eine Lebendspende nur unter den oben genannten Umständen, insbesondere ausschließlich bei persönlicher Verbundenheit des Spenders mit dem Empfänger erlaubt ist. Zum Schutz des Spenders, der sich bei einer Lebendspende besonderen gesundheitlichen Risiken aussetzt und insbesondere um Organhandel zu vermeiden ist es in Deutschland verboten, fremden Personen freiwillig ein Organ zu spenden. Eine große Zahl an potenziell lebensrettenden Transplantationen wird somit verhindert. Dabei besteht hier längst Reformbedarf!

Ein kleiner Ausflug in die Wirtschaftswissenschaft: Wo Menschen auf Märkten über Angebot und Nachfrage zu keinen vernünftigen Lösungen kommen, müssen alternative Allokationsmethoden genutzt werden. Für viele wichtige Güter im Leben spielt für deren Verteilung Geld keine Rolle – so ist das auch bei Organen so. Es gibt trotzdem Knappheitsprobleme bei diesen Gütern – das wiederum ist auch bei Organen der Fall. In diesem Fall muss die Effizienz der Verteilungsergebnisse, und damit die steigende Anzahl an erfolgreichen Organtransplantationen im Vordergrund stehen. An dieser Stelle kommen drei wichtige Wirtschaftswissenschaftler ins Spiel: David Gale, Lloyd S. Shapley und Alvin E. Roth. Sie entwickelten verschiedene Algorithmen, die zum Einsatz kommen (können), falls der Markt eine vernünftige Verteilung nicht allein regeln kann. Ein Algorithmus davon nennt sich „Nierentauschringe“. Roth erklärt diesen folgendermaßen:

„Stellen Sie sich vor, ich wollte meinem Bruder eine Niere spenden und Sie Ihrem Bruder. Aber die Organe passen nicht, die Körper unserer Brüder würden sie abstoßen. Wenn ich aber meine Niere Ihrem Bruder spenden würde und Sie Ihre meinem, wäre es möglich.“

Abbildung 2: Prinzip einer Cross-over-Transplantation (Quelle: https://www.transplantation-verstehen.de/spezialthemen/lebendspende/voraussetzungen)

Durch die Vernetzung von inkompatiblen Patienten-Spendern-Paaren mit anderen inkompatiblen Patienten-Spendern-Paaren, die ihrerseits die sonstigen Voraussetzungen für eine Lebendspende (persönliche Verbundenheit etc.) erfüllen, kann sich die Zahl der Organspenden bedeutend erhöhen! Je mehr solcher Paare sich treffen oder je größer der Tauschring wird, desto höher die Effizienz der Verteilungsergebnisse! Wirtschaftswissenschaft und gute medizinische Versorgung geht eben doch zusammen! 😉

Während diese Form der Zuteilung von Lebendspenden bereits in vielen europäischen Ländern erlaubt ist (z. B. Niederlande, Großbritannien, Spanien, Österreich, Schweiz…), wird in Deutschland durch das TPG nach wie vor eine hohe Anzahl an Transplantationen verhindert.

Zweitens: Ja, es gibt in Deutschland also noch Luft nach oben! Natürlich birgt der Nierentauschring oder generell Lebendspenden von Organen einige Risiken. Zum Beispiel muss die Entnahme bei einem Tausch gleichzeitig stattfinden, um ein Abspringen des anderen Spenders in letzter Minute zu verhindern. Darüber sollte, ähnlich wie über die Regelungen zu den postmortalen Organspenden, weiterhin gemeinsam diskutiert werden.

Es ist wichtig, dass die Debatte rund um die Organspende nicht zum Pokémon GO des Gesundheitswesens wird und damit genauso schnell wieder aus der gesellschaftlichen Diskussion verschwindet, wie es bei der Jagd auf Pikachu der Fall war! Zwar wurde die Möglichkeit zur postmortalen Organspende in den letzten Monaten sehr viel diskutiert und hatte wie noch nie zuvor große öffentliche Aufmerksamkeit. Aber warum wird sich mit der Option einer Lebendspende im Vergleich dazu so wenig auseinandergesetzt? Patienten und ihre Angehörige, die dasselbe Schicksal teilen aber nicht kompatibel sind, könnten sich gegenseitig helfen.

Anmerkung der Redaktion: Wer sich für das Thema interessiert, der findet einen weiteren Blog-Artikel zu dem Thema. Im Juni berichtete unser Mitglied Milena von ihren Erfahrungen innerhalb der Familie mit dem Thema Lungentransplantation. Klickt hier um direkt zum Artikel zu gelangen.

Stefanie Fähndrich

Ich studiere Versorgungsforschung und Implementierungswissenschaft im Gesundheitswesen an der Uni Heidelberg. Zuvor habe ich bei einem Kassenverband auf Bundesebene im Vertragsmanagement für die ambulante ärztliche Versorgung gearbeitet. Themen wie Gesundheitssystementwicklung und Versorgungsforschung auch unter Berücksichtigung internationaler Best Practices machen es für mich spannend, sich mit unserem Gesundheitswesen über alle Sektoren hinweg zu beschäftigen. Mein Interessenschwerpunkt liegt dabei in der Konzeption, Implementierung und Evaluierung neuer Versorgungsmodelle.

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